Am Donnerstagabend herrscht erstmals seit zwei Wochen wieder Leben im Deutschen Bundestag. Die Fraktionen tagen in Sondersitzungen zur Griechenland-Krise, die Abgeordneten sind dazu direkt aus dem Urlaub angereist, manche noch im Freizeitlook: Jeans und bunte Turnschuhe, man sieht braun gebrannte Gesichter. Die Parlamentarier müssen bestimmen, ob Europa nach der dramatischen Einigung von Brüssel wirklich Verhandlungen über mögliche Griechenland-Hilfen aufnehmen soll, sie haben ein Vetorecht. Die Alternative wäre eine Pleite des Landes und damit früher oder später der Ausstieg aus dem Euro.

Vor der Abstimmung im Bundestag an diesem Freitag hat sich dabei eine ungewöhnliche Einheit aufgetan: Die Opposition und die regierenden Sozialdemokraten schimpfen gemeinsam auf Finanzminister Wolfgang Schäuble: Mit seiner erneuten Werbung für einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro torpediere er die Verhandlungserfolge von Brüssel. Dahinter steckt auch die Angst der Abgeordneten, dass die Grexit-Diskussion des vergangenen Wochenendes noch lange nicht beendet ist.

Besonders in Erklärungsnot ist in diesen Tagen die SPD. Sie will am Freitag mit großer Mehrheit für ein neues Hilfspaket stimmen. Aber das Verhalten von Parteichef Sigmar Gabriel hatte in den vergangenen Tagen für einigen Ärger gesorgt: Wie viel wusste er über das Papier, in dem Schäuble den Griechen einen Euro-Austritt androhte, und das am vergangenen Wochenende den Ausschlag für das Einknicken des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras gab? Ist Gabriel, der sich in der komplizierten Griechenland-Krise immer gegen Denkverbote ausgesprochen hat und im Parteipräsidium über einen Grexit diskutieren ließ, nicht doch ein heimlicher Anhänger der Schäuble-Idee?

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann verteidigt am Donnerstag den Vorsitzenden: Es sei gut gewesen, einen "Plan B in der Tasche zu haben", solange die griechische Regierung sich "destruktiv" verhalten habe. Aber jetzt seien die Griechen zu Reformen bereit, und die SPD habe kein Verständnis mehr dafür, dass Schäuble einerseits den Antrag der Bundesregierung für ein Hilfspaket vorbereite und andererseits in Radiointerviews den Grexit herbeirede. In seiner harschen Kritik an Schäuble erhält Oppermann Unterstützung von dem sozialdemokratischen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz und Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem, die eigens angereist sind, um vor der deutschen Entscheidung die Parteienfamilie zu unterstützen. "Wenn man einen Deal ausgehandelt hat, muss man auch dahinter stehen", sagt Dijsselbloem im Bundestag, als er auf den deutschen Finanzminister angesprochen wird.

Doch Schäuble spielt längst sein eigenes Spiel: Noch am Morgen hatte er sich im Deutschlandfunk sehr besorgt über die hohe Schuldenlast Griechenlands geäußert. Diese würde es sehr schwierig machen, ein neues Hilfspaket zu schnüren. Die strengen Regeln des Eurorettungsschirms ESM besagen nämlich, dass der Antragsteller nicht über beide Ohren verschuldet sein darf. Deshalb brachte Schäuble – trotz der Brüsseler Einigung – erneut den Grexit ins Spiel: Wegen der strengen Regeln in der Eurozone könne Griechenland nur einen Schuldenschnitt bekommen, wenn es die Eurozone verlasse, sagte der Finanzminister.

Kritik an Schäuble

Nicht wenige glauben deshalb, dass Schäuble das neue Hilfspaket zwar formal mitverhandelt – es aber eigentlich torpedieren will. Einigt sich die Eurozone nicht auf Reformen für Athen und wächst die Schuldenlast des Landes weiter, könnte der Minister irgendwann den Grexit als einzig verbliebene Option verkaufen. Nach dem Motto: "Wir haben alles probiert, aber..." Die Unionsfraktion hätte er sicher hinter sich.

"Die Kanzlerin muss Schäuble stoppen", sagt Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt. Ihre Abgeordneten hätten jegliches Vertrauen in den Finanzminister verloren. Auch die Linkspartei ist sauer. Er sei persönlich enttäuscht von Schäuble, sagt Fraktionschef Gregor Gysi. In den vergangenen Wochen habe er sich aufgeführt wie ein Kanzler und auf niemanden mehr gehört. In der Kritik an Schäuble ist sich die Opposition einig, nicht aber darin, wie sie sich zu dem neuen Rettungspaket im Bundestag verhalten soll. Die Linke will mehrheitlich dagegen stimmen – um ein Zeichen gegen die "Erpressung" der linken griechischen Regierung durch die Gläubiger zu setzen. Nur drei Abgeordnete überlegten am Donnerstagabend, sich zu enthalten, um Solidarität mit dem griechischen Ministerpräsidenten zu zeigen. Denn der ist inzwischen ja für die harten Reformen und das Hilfspaket, weil er einen Grexit verhindern will. Es ist kompliziert in diesen Tagen.