Das Erschrecken über die Rückkehr des "hässlichen Deutschen" ist groß. Dabei kann sie niemanden, der das politische Geschehen nüchtern betrachtet, wirklich überraschen. Schließlich war der Machtzuwachs Deutschlands in den zurückliegenden Jahren offenkundig. Macht und Popularität aber entwickeln sich in aller Regel umgekehrt proportional zueinander. Wieso also das Erstaunen?

Vielleicht, weil wir uns eben noch so toll fanden. Weil wir voll kindlicher Freude bei Fußballweltmeisterschaften schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenkten, ohne dass sich jemand fürchtete. Die Älteren fanden das eigene Land in der Sprache ihrer Kinder "cool" und fühlten sich selbst auch so. Soweit die Oberfläche.

Wichtiger war, was darunter geschah. Deutschlands Wirtschaftskraft wuchs immer rascher, angeheizt von den Reformen der Agenda 2010 und mehr noch vom Euro, der den deutschen Export auf höchsten Touren laufen ließ. Die Währungsunion scheffelte Milliarden nach Deutschland.

Auch politisch gab Deutschland nun den Ton an. Nicht, das muss man ehrlicherweise sagen, weil es sich eine Führungsrolle in Europa gewünscht hätte. Der Bundesregierung fiel immer mehr Verantwortung zu, weil andere, mit denen sie diese hätte teilen können, ausfielen. Das Großbritannien David Camerons zum Beispiel, von dem in der Ukraine-Krise nichts zu sehen und zu hören war. Auch das Frankreich Hollandes ließ die Deutschen gern vorangehen.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung ist Deutschland zur politischen Führungsnation in Europa aufgestiegen. Und selbst wenn Wolfgang Schäuble und Angela Merkel den Griechen mit mehr Einfühlungsvermögen begegnet wären, die Machtverhältnisse in Europa bleiben, wie sie sind.

Darum hilft alles Lamentieren nichts: An den "hässlichen Deutschen" werden wir uns gewöhnen müssen. Wenn nicht jetzt, dann würde der spanische Podemos-Chef Pablo Iglesias bei nächster Gelegenheit ausrufen: "Wir wollen keine deutsche Kolonie sein!" Und irgendein Grund wird sich immer finden lassen, um bei Twitter zu fordern: "Boycott Germany!"

Nur Paris und Berlin gemeinsam können der EU Halt geben

Aber ist deswegen auch "die deutsche Frage wieder da", wie Roger Cohen, der kluge Kolumnist der New York Times, mutmaßt? Kehrt im Zentrum Europas wieder Unruhe ein, weil die politische Balance nicht stimmt? Deutschland dominiere Europa in einer Weise, die noch vor 15 Jahren unvorstellbar gewesen sei, schreibt Cohen. Und "kein Feigenblatt" könne verbergen, dass die deutsch-französische Partnerschaft nicht mehr eine von Gleichen sei.

Wäre es so, dann allerdings wäre Europa in Gefahr. Denn nur das Führungsduo Berlin und Paris kann der Europäischen Union Halt geben. Und ein zweites Prinzip muss eisern gelten: In der Europäischen Union sind alle gleich, wie groß oder klein sie auch sein mögen. Alle haben die gleichen Rechte, jeder muss jeden respektieren.

Bisher hat keine Bundesregierung an diesen beiden europäischen Grundwahrheiten gerüttelt. Auch unter Angela Merkel will sich Deutschland nicht zum Hegemon aufschwingen. Unbestreitbar aber ist, dass die an die Bundesrepublik gerichteten Erwartungen größer werden. Gerade deshalb fordert Herfried Münkler in seinem Buch Macht in der Mitte von Deutschland Weitsicht und Fingerspitzengefühl, Geduld und Gelassenheit.

Der Macht in der Mitte obliege es, schreibt Münkler, "Europa zusammenzuhalten, den immer wieder neu auftretenden Zentrifugalkräften entgegenzuwirken, Interessendivergenzen abzubauen und Ausgleichsprozesse zu moderieren".

Tatsächlich wäre Deutschland gut beraten, mit seiner Macht sehr vorsichtig umzugehen, sie nur zum Wohle ganz Europas einzusetzen. Durch kluge Politik ließe sich die Wiederkehr der deutschen Frage vermeiden.

Mit dem "hässlichen Deutschen" aber werden wir, so wie die Machtverhältnisse sind, wohl leben müssen. Es sei denn, wir entscheiden uns für das Modell Wowereit: Arm, aber sexy. Nur nimmt uns das in Europa keiner ab.