Am Ende läuft es oberflächlich reibungslos. Mit 439 Stimmen spricht sich der deutsche Bundestag für neue Verhandlungen über Griechenland-Hilfen aus, eine deutliche Mehrheit, selbst 23 Ja-Stimmen aus der Opposition sind dabei. Doch Euphorie macht sich an diesem heißen Vormittag nicht breit. Allen ist klar, dass mit dem Verhandlungsmandat weder die Griechenland-Krise gebannt ist, noch die Streitereien um den richtigen Umgang mit ihr: "Wir haben einen unangenehmen Sommer vor uns", mahnt der CDU-Abgeordnete Ralph Brinkhaus.

Es ist der 61. Geburtstag der Bundeskanzlerin an diesem Sondersitzungsfreitag, am Morgen überreicht ihr Vizekanzler Sigmar Gabriel einen Sommer-Blumenstrauß. Doch es ist kein einfacher Tag für Merkel.

Neben den 60 Abweichlern unter den CDU/CSU-Abgeordneten, die gegen weitere Verhandlungen über Griechenland-Hilfen sind, hat die Kanzlerin inzwischen ein ganz anderes Problem: Den Streit ihrer eigenen Bundesregierung, die Unstimmigkeit mit ihrem derzeit wichtigsten Minister. Es lässt sich einfach nicht mehr übertünchen: Wolfgang Schäuble lässt keine Gelegenheit aus, seine Zweifel wieder und wieder zu betonen. Der Finanzminister, der alle wichtigen Brüsseler Beschlüsse der letzten Zeit mit ausgehandelt hat, glaubt inzwischen, dass ein Grexit für die Griechen auf Dauer besser wäre, weil man ihnen dann mit einem Schuldenschnitt entgegenkommen könnte. Auch Ex-SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ist dieser Ansicht. 

Dank und Rüffel für Schäuble

Das Geburtstagskind kann solche Einlassungen ganz und gar nicht gebrauchen. Merkel ist erleichtert über die Einigung der Eurogruppe mit Griechenland, auch weil ein Grexit an ihrer Reputation kratzen würde. Schließlich sprach die Kanzlerin mehrfach den berühmten Satz "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa".

In ihrer Rede vor der Sondersitzung des Bundestags also äußert sie sich so klar wie nur möglich: "Wir setzen uns dafür ein, dass Griechenland Mitglied der Eurozone bleibt." Der Grexit auf Zeit – am vergangenen Wochenende von ihrem Finanzminister in Brüssel plötzlich verhandelt – sei nie "gangbar" gewesen, sagt Merkel. Schließlich müssten die Griechen dem zustimmen, das täten sie aber nicht. Schäuble nimmt es auf der Regierungsbank mit finsterem Gesichtsausruck zur Kenntnis. Doch die Kanzlerin dankt ihrem Minister auch für die "Stunden und Aberstunden" Verhandlungen in Brüssel. Die Unionsfraktion klatscht lange, die SPD bleibt ruhig. Ein hartes Zeichen des Unmuts vom Regierungspartner.

Merkel versucht beides: Inhaltliche Distanz zu Schäuble und dennoch den Schulterschluss: Später an diesem Vormittag rutscht die Kanzlerin auf der Regierungsbank demonstrativ ein paar Sitze weiter weg vom Rednerpult, damit sie neben Schäuble sitzen kann. Die beiden unterhalten sich, doch der Minister sieht wenig begeistert aus.

Ganz anders Vizekanzler Sigmar Gabriel, der nach einer für ihn innerparteilich schwierigen Woche in seiner Rede zu Höchstleistungen aufläuft. "Jede Debatte um einen Grexit muss der Vergangenheit angehören", sagt er mit Verve. Das wird vor allem seine Fraktion freuen –liebäugelte Gabriel doch vor Kurzem noch mit dieser Option. Doch Gabriel wäre nicht Gabriel, wenn er nicht einfach selbstbewusst darüber hinweg reden könnte. Den Bruch mit den eigenen Leuten kann er derzeit trotzdem nur schlecht kaschieren.