Europa hat an diesem Wochenende und in der langen Verhandlungsnacht zu Montag in den Abgrund geschaut – und ein Mann hat entscheidenden Anteil daran: Wolfgang Schäuble. Mit seiner Drohung mit einem "Grexit auf Zeit" haben er und Kanzlerin Angela Merkel den griechischen Premier Alexis Tsipras zum Einlenken gezwungen. Aber zugleich haben sie den Bruch mit anderen Euroländern, angeführt von Frankreich, in Kauf genommen.

Auf einmal ging es nicht mehr nur noch darum, wie Griechenland im Euro gehalten werden kann und ob es neue Hilfen im gigantischen Umfang von mehr als 80 Milliarden Euro gegen Reformen erhalten soll. Es ging um den Zusammenhalt Europas und der Eurozone.

Mit ihrer harten Haltung gaben Merkel und Schäuble den Kurs vor, dem sich andere Länder vor allem aus dem Norden Europas, die baltischen Staaten und einige Länder Osteuropas anschließen konnten: Entweder setzt Griechenland angesichts eines drohenden Rauswurfs noch weitergehende, harte Einschnitte und Reformen um und erklärt sich sogar bereit, Staatsvermögen in einen Privatisierungsfonds auszulagern, also einen weiteren Verlust von Souveränität zu akzeptieren – oder es bleibt ihm eben nur der Grexit. Und dass dies nicht nur eine "Auszeit" für wenige Jahre gewesen wäre, dürfte jedem klar gewesen sein.

Frankreichs Präsident François Hollande, mit dem Merkel in den vergangenen Monaten so eng kooperiert hatte, nahm – unterstützt vom italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi – die entgegengesetzte Position ein: Griechenland müsse auf jeden Fall im Euro gehalten werden. Dennoch blieben die Kanzlerin und ihr Finanzminister bei ihrer unnachgiebigen Haltung, obwohl Tsipras schon im Vorfeld praktisch alle Forderungen der Institutionen akzeptiert und eine breite Mehrheit dafür im Parlament in Athen erwirkt hatte.

Aber Merkel und Schäuble reichte das nicht. Stattdessen riskierten sie ein tiefes Zerwürfnis mit dem wichtigsten Partner Frankreich. Ihre Strategie mag kurzfristig erfolgreich gewesen sein: Tsipras, dem keine andere Wahl blieb, wollte er nicht den Bankrott seines Landes riskieren, schluckte am Ende die Bedingungen. Und nahm eine maximale Demütigung seines Landes hin, obwohl er nicht sicher sein kann, dass er all die Reformauflagen durch sein Parlament bekommt, und darüber womöglich seine Links-rechts-Regierung zerbricht.

Ein Riss durch die Eurozone

Die schließlich erzwungene Einigung hat allerdings einen hohen Preis: In einem der kritischsten Momente in der Geschichte der EU nahm die Kanzlerin hin, dass der Riss, der sich schon länger durch die EU und die Eurozone zieht, offen zutage trat: Hier die reichen Länder des Nordens, angeführt vom mächtigsten Mitglied Deutschland, die auf eine strikte Sparpolitik pochen, auch um den Preis massiver sozialer Einschnitte und der Frustration von Millionen Menschen, die sich von Europa abwenden. Dort die Länder im Süden, die vor allem auf Wachstum setzen und es mit den Schuldenregeln im Zweifel nicht so ernst nehmen.

So wurde und wird der Streit um das griechische Reformprogramm und neue Milliardenhilfen überlagert von der grundsätzlichen Frage: Ist es ein Rückschlag für das europäische Einigungswerk, wenn ein Land wie Griechenland aus dem Euro (zeitweise) wieder ausscheidet? Oder leidet Europa vielmehr Schaden, wenn die Stabilitätsregeln immer mehr aufgeweicht werden?