Bei manchem Sozialdemokraten machte sich am Sonntagabend doppeltes Entsetzen breit. Natürlich wegen des klaren Ausgangs des griechischen Referendums, das Europa noch einige Probleme bereiten wird. Als wäre das aber nicht genug, war es wieder einmal Sigmar Gabriel, der seine eigene Partei verärgerte.

Schon gegen 21 Uhr, in Athen lief noch die Auszählung der Stimmen, meldete sich der SPD-Vorsitzende zu Wort – als einer der ersten deutschen Polit-Promis. Vom Tagesspiegel ließ sich der Vizekanzler folgendermaßen zitieren: Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras habe "letzte Brücken eingerissen, über die Europa und Griechenland sich auf einen Kompromiss zubewegen konnten." "Verhandlungen" über neue Hilfsprogramme seien "kaum mehr vorstellbar".

Das harsche Vizekanzler-Statement verbreitete sich rasant in ganz Europa – dort hatte sich bisher nämlich auch kaum ein Spitzenpolitiker vor die Mikrofone getraut. Ausgerechnet die SPD verkündet also das Ende aller Kommunikation mit dem EU-Partner? So weit wie Gabriel gingen bis Montagnachmittag noch nicht einmal Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble. 

"Gute Nacht, Griechenland!"

In der SPD war vor allem unter eher linken Mitgliedern der Ärger groß – hatte die Sozialdemokratie doch Volksabstimmungen immer grundsätzlich positiv gesehen und der europäischen Solidarität das Wort geredet. Die SPD war es außerdem, die noch im Wahlkampfsommer 2013 stets betonte, das Merkelsche Spar-Mantra und Reform-Beharren führe die EU nicht weiter.

Gabriel sei im Duktus nicht mehr weit von CSU-Generalsekretär Andy Scheuer entfernt gewesen, beklagt mancher Genosse. Scheuer hatte den Ausgang des Referendums mit den Worten "Kali nichta, Hellas – Gute Nacht, Griechenland!" kommentiert, was parteiübergreifend als Gipfel des peinlichen Populismus wahrgenommen worden war. Gabriel habe sich ohne Not brachial geäußert, sagt ein anderer einflussreicher SPD-Mann. Vielleicht wäre es schlauer gewesen, abzuwarten.

In der Sitzung von SPD-Partei-Präsidium und Parteivorstand am Montag schlug dem Vorsitzenden daher recht heftige Kritik entgegen. "Die Tür für Verhandlungen darf nie verschlossen sein", formulierte es der neue Sprecher der SPD-Linken, Matthias Miersch. "Beim Umgang mit Europa geht es nicht nur um währungspolitische Fragen, sondern auch um geopolitische und um das Identifikationsprojekt Europa."

"Wir müssen jetzt eine Lösung finden, die für die Griechen, aber auch die anderen Länder der Eurozone akzeptabel ist", mahnt außerdem der Stellvertreter des Parteivorsitzenden, Ralf Stegner. Natürlich könne ein Alleingang eines Landes nicht gutgeheißen werden und die Eurozone sich nicht erpressen lassen, da sind sich auch Gabriel-Kritiker einig. Aber sie ärgern sich darüber, dass der Chef suggerierte, gar nicht mehr mit den Griechen sprechen zu wollen. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Axel Schäfer findet das gefährlich: "Wir haben aus 1914 gelernt, als Schlafwandler Europa in den Ersten Weltkrieg führten. Die aktuelle Krise überstehen wir nur durch Reden und die Solidarität der Tat, nicht durch verbales Aufrüsten."

Als der Parteivorsitzende später vor die Journalisten tritt, ist er entsprechend schlecht gelaunt – aber im Ton auch etwas moderater als am Vorabend. "Ich hab ja nicht gesagt, dass wir nicht mehr verhandeln, die Frage ist worüber", betont Gabriel und bleibt in seinem Bild: Eingerissene Brücken könnten selbstredend auch wieder aufgebaut werden.