"Die Vorteile einer Einigung überwiegen die Nachteile", sagte Angela Merkel nach einer Nacht ohne Schlaf. Die Bundeskanzlerin bewertete das Ergebnis der Verhandlungen in Brüssel mit ihrem griechischen Kollegen Alexis Tsipras und den Regierungschefs der übrigen 17 Euroländer als positiv. Auch eine Reihe anderer Regierungschefs äußerten sich erleichtert, dass es am Ende doch noch eine Einigung gegeben hat, die Griechenland erlauben soll, im Euro zu bleiben.

Aber wie ist die Einschätzung des Kompromisses in den übrigen Ländern der Eurozone? Wie bewerten die nationalen Zeitungen dort die Einigung, für die die Regierungschefs 17 Stunden verhandelt haben?

Aus Portugal,  das ebenso wie Griechenland zu den Krisenländern zählt, kommt eine gänzlich andere Bewertung: "Die größte Bedrohung Europas heute sind weder Putin noch der islamische Fundamentalismus, weder die USA noch China, weder die Euroskeptiker noch die Populisten. Die größte Bedrohung Europas heute stellt Wolfgang Schäuble dar, der deutsche Finanzminister", schreibt Rui Tavares von der Tageszeitung Público. Schäuble wisse, dass er gar nicht im Recht sein müsse. "Es reicht, der Finanzminister des reichsten Landes der EU zu sein." Kein anderes Land habe dem etwas entgegensetzen können. Die jüngste Forderung eines Privatisierungsfonds, der von den Gläubigern kontrolliert werde, scheine "aus dem schlimmsten Kolonialismus und Imperialismus des 19. Jahrhunderts" zu kommen.

Auch die Brüsseler Korrespondenten der spanischen Zeitung El País, Claudi Pérez und Lucía Abellán Hernández, bewerten die Einigung kritisch, als "kleine Rache nach dem (griechischen) Referendum von vor acht Tagen, das in Brüssel als Affront interpretiert wurde". Verantwortlich für die Härte ist aus Sicht von El País vor allem Angela Merkel. Angesichts der Notlage im Land habe die Regierung von Alexis Tsipras keine andere Wahl gehabt, als praktisch 100 Prozent der Forderungen zu akzeptieren. Die einzigen Zugeständnisse an Athen: "Europa erkennt offen die Notwendigkeit einer Schulden-Restrukturierung an." Und der Grexit sei vom Tisch.

Die Europäische Union müsse weg von der deutschen Dominanz, fordert auch Daniel Innerarity, ebenfalls in El País: "Die Lage Griechenlands ist ein Grund mehr, die Hegemonie Deutschlands in (eine andere Art von) Führung zu transformieren: Das bedeutet, ein anderes Spiel zu spielen, mit einer stärkeren Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, und Entscheidungsmechanismen, die stärker gemeinschaftlich funktionieren." 

Die niederländische Zeitung Volkskrant, vergleichbar mit der Süddeutschen Zeitung, titelt gar: "Brüssel legt Athen auf die Folterbank". Griechenland müsse sich tief bücken, um den Forderungen der Geberländer gerecht zu werden, daraufhin neue Kredite zu bekommen und die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Auch die Redakteure vom Elsevier aus den Niederlanden urteilen negativ: "Der griechische Kompromiss kennt nur Verlierer". Tsipras ignoriere seine Wahlversprechen und das Ergebnis des Referendums. "Griechenland hat eine Tradition mit Staatsstreichen, und nach dieser wilden Brüsseler Nacht kann sich das Land wahrscheinlich einen neuen auf seine Liste schreiben."

Auch die irische überregionale Tageszeitung The Irish Times kritisiert das Verfahren und das Ergebnis der Marathon-Verhandlungen. "Der Weg zum harten Hilfsprogramm, was mehr als 80 Milliarden Euro für die Griechen sichern soll, war ein langsamer, erniedrigender Vorgang, ein Pokerspiel mit Multi-Milliarden-Beträgen, bei dem die ganze Welt zuschaute."

Le Monde aus Frankreich beschreibt die Morgenstunden der Brüsseler Einigung als "die Nacht, in der Deutschland Tspiras in die Zange nahm". Ein Kompromiss? Eigentlich sei es eher etwas, dass wie eine Kapitulation des griechischen Premier Alex Tsipras erscheine. Le Figaro kritisiert in erster Linie Angela Merkel. Wie oft habe sie ihre Meinung zu Griechenland schon geändert? Seit Anbeginn der Krise zweifle Angela Merkel an der Reformfähigkeit Griechenlands. Angela Merkel habe sich im Laufe der Verhandlungen erneut den Spitznamen "Madame Non" verdient.