Venceremos – wir werden siegen. Jetzt aber wirklich! In den vergangenen Monaten schien das angestaubte chilenische Kampflied der siebziger Jahre für die europäische Linke ein Revival zu erfahren. In Spanien feierte die Protestbewegung Podemos Erfolge und ließ die konservative Regierung zittern. In Griechenland wurde eine ebensolche Anfang des Jahres von dem Linken Alexis Tsipras hinweggefegt.

Plötzlich schien die harte Sparpolitik an ihre Grenzen geraten, eine mächtige Bewegung von unten gegen sie aufzubegehren: Ausgerechnet die gebeutelten Südeuropäer hatten mit ihren Massenprotesten dazu beigetragen, in ihrem Land einen Politikwechsel einzuleiten, der auf ganz Europa ausstrahlen könnte.

"Sei dir sicher, Alexis", rief Podemos-Chef Pablo Iglesias noch vor wenigen Tagen im EU-Parlament dem griechischen Premier zu, "2015 ist das Jahr des Wandels und bald werden wir noch mächtiger sein". Damit meinte er, dass in Spanien und auch im krisengeplagten Portugal noch in diesem Jahr ein neues Parlament gewählt wird.

Allerdings klang ein wenig Trotz in der Stimme des Spaniers mit. Denn als Tsipras vor dem EU-Parlament noch einmal für mehr Milde mit seinem Land warb, war Griechenland bereits pleite, die Bürger quasi ohne Bargeld. Die EU-Institutionen hatten der linken Regierung in Athen mit aller Härte demonstriert, mit welchen Sanktionen Staaten rechnen müssen, die die Regeln offen infrage stellen.

Nun hat Tsipras sich dem enormen Druck gebeugt und weiteren harschen Sparmaßnahmen zugestimmt, um den De-facto-Ausschluss aus dem Euro zu verhindern, der die Alternative gewesen wäre. Er wisse selbst nicht, ob das die richtige Entscheidung gewesen sei, sagte Tsipras. 

Bei einer Abstimmung über den eingeschlagenen Weg am Mittwochabend im griechischen Parlament wurde er zwar von einer großen Mehrheit gestützt. Etwa ein Viertel der Syriza-Fraktion verweigerte ihm allerdings die Gefolgschaft.

Die deutsche Linke sagt Jein

Tsipras ist also an den Machtstrukturen, die er mit seiner Partei verändern wollte, gescheitert. Was macht die europäische Linke mit dieser bitteren Erkenntnis? Schließlich gehört es zur DNA linker Parteien, dass sie sich meist nicht einig sind. Dass sie beim Streit um eine "bessere Politik" auch sehr dogmatisch werden können. Nicht alles, was Tsipras tat, fanden Linke gut: Der rechtspopulistische Koalitionspartner bereitete ihnen Grausen, aber auch die Tatsache, dass die neue griechische Regierung die Reichen nicht schnell genug besteuerte, mancher störte sich auch am Auftreten des ehemaligen Finanzministers Yanis Varoufakis in Brüssel, andere wiederum feierten ihn für seine Nonchalance.

"Es ist eine alte Frage: Wie lange hält linke Solidarität?", fasst Stefan Liebich, außenpolitischer Sprecher der deutschen Linksfraktion die Situation zusammen. "Ist sie da in guten Zeiten, also am Wahlabend, oder auch dann, wenn es schwierig wird, wenn uns die Kritik entgegenbläst?"

Am Freitag muss sich die deutsche Linke im Bundestag dazu verhalten, ob die Eurogruppe aus ihrer Sicht überhaupt Verhandlungen über neue Milliardenhilfen für Griechenland aufnehmen darf. Das ist eine brisante Frage. Der durch das Referendum unterstrichene Wille Griechenlands, die Sparpolitik zu beenden, sei an diesem Wochenende durch "Erpressung" gebrochen worden, erklärten die designierten Fraktionschefs Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch vor wenigen Tagen. Sie vermieden es aber, bei den Abgeordneten um ein Nein im Bundestag zu bitten. Darüber soll erst noch in der Fraktion beraten werden – schon bei der Abstimmung über die letzten Griechenland-Hilfen waren die deutschen Linken heillos zerstritten, Wagenknecht drohte danach damit, nicht mehr Fraktionschefin werden zu wollen.

Anders als seine beiden potenziellen Nachfolger, veröffentlichte der scheidende Fraktionschef Gregor Gysi am Mittwoch eine dialektische Erklärung: Er empfahl den griechischen Abgeordneten, das Sonntagnacht in Eckpunkten ausgehandelte Paket im eigenen Parlament zu akzeptieren, um den Grexit zu verhindern. Er, Gysi, aber könne im deutschen Bundestag einer solch undemokratischen Politik nicht zustimmen.

Hier zeigt sich das ganze Dilemma der deutschen Linken: Eigentlich müssten sie den Brüsseler Beschlüssen mit großer Verve und begleitet von Massenprotesten die Stirn bieten – auch wenn sie sie natürlich nicht aufhalten können. Doch ein Nein zur Austeritätspolitik bedeutet eben ein Ja für den unfreiwilligen Grexit. Und den befürwortet außer Oskar Lafontaine bisher kein Linker öffentlich, weil die sozialen Folgen kaum zu überschauen wären.