ZEIT ONLINE: Herr Pretzell, AfD-Bundessprecher Bernd Lucke sammelt seine Unterstützer in einem parteinahen Verein, dem Weckruf 2015, seine Gegner beschimpfen ihn als Gesetzesbrecher, auch Sie mobilisieren gegen Lucke. Steht der AfD ein Chaos-Parteitag bevor?

Marcus Pretzell: Persönliche Diffamierungen, die unter die Gürtellinie gehen, kennen wir seit anderthalb Jahren. Wir werden das in Essen hinter uns lassen. Der Parteitag wird die Partei beruhigen. Wir brauchen eine Professionalisierung auf allen Ebenen.

ZEIT ONLINE: Zur Vorstandswahl in Essen wird es eine Kampfkandidatur von Vertretern gegensätzlicher Lager geben. Was wäre denn Ihr bevorzugtes Führungsmodell für die Partei?

Pretzell: Von einer Konfrontation "gegensätzlicher Lager" kann keine Rede sein. Es geht vielmehr um unterschiedliche Führungsstile: One-Man-Show gegen ein Team politischer Köpfe. Ich hoffe, dass wir wieder drei, wenigstens aber zwei Vorsitzende bekommen. Die Partei ist thematisch zu breit angelegt für nur einen Vorsitzenden. Für die Aufbauphase war ein administrativ wirkender Vorstand wichtig. Jetzt brauchen wir eine Spitze, die alle politischen Schattierungen der Partei abbildet.

ZEIT ONLINE: Wer sollte in der Partei künftig Führungsverantwortung tragen?

Pretzell: Wer, ist nicht so wichtig. Wir brauchen Vertreter beider Strömungen, der liberalen und der konservativen.

ZEIT ONLINE: Sie kommen gut mit Frauke Petry aus, Luckes voraussichtlicher Gegenkandidatin. Kämen Sie künftig wieder mit Lucke als Bundessprecher klar, sollte er gewählt werden?

Pretzell: Wir haben unterschiedliche Auffassungen bei vielen Themen. Er redet seit einem halben Jahr nicht mit mir.

ZEIT ONLINE: Lässt sich der Konflikt beheben?

Pretzell: Von mir aus kann mich Lucke morgen anrufen. Ich habe da kein Problem. Ich ertrage, dass jemand anderer Meinung ist als ich.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle sehen Sie für sich selbst in der Partei?

Pretzell: Ich möchte nach all den Querelen endlich wieder gute Arbeit im Landesverband machen.

ZEIT ONLINE: Lucke hat den Recklinghäuser Kreisvorsitzenden André Yorulmaz als seinen Wunsch-Generalsekretär nominiert. Hätte Sie dieser Posten gereizt?

Pretzell: Frauke Petry wollte im Gegensatz zu Bernd Lucke keinen Generalsekretär nominieren. Sie hält den Posten für eine Fehlkonstruktion, wenn der Generalsekretär – wie von Lucke konzipiert – nur der persönliche Sekretär des Vorsitzenden ist. Was wir brauchen, ist eine professionelle Geschäftsstelle in Berlin, damit der Bundesvorstand endlich Politik machen kann.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Yorulmaz?

Pretzell: Er würde mit seiner Wahl drei Ebenen nach oben fallen. Der Mann ist jahrelang beim AWD gewesen, verkaufen kann er offensichtlich.

ZEIT ONLINE: Yorulmaz ist schwul und lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Wie wird die AfD-Basis darauf reagieren?

Pretzell: Ich frage mich, warum er sein erstes Interview mit der Information über seine sexuelle Orientierung und seine Herkunft begonnen hat. Ich hätte mir da stattdessen mehr politische Inhalte gewünscht. Fürs Schwulsein oder einen Migrationshintergrund allein gibt es noch keine Belobigung. Die allermeisten AfD-Mitglieder sind nicht halb so homophob, wie viele Beobachter glauben.

ZEIT ONLINE: Was ist Ihre Prognose? Wird am Sonntag ein vollständiger Vorstand gewählt werden und die Satzung – nach Vorgabe des Parteigerichts – bestätigt sein?

Pretzell: Über alle Vorstandsposten sauber und rechtssicher abzustimmen, ist bei über 4.000 erwarteten Mitgliedern schwierig. Wir werden am Ende vielleicht die Vorsitzenden und Stellvertreter gewählt haben. Auch die Satzung wird in Essen vermutlich nicht bestätigt werden. Denn es waren im Vorfeld keine Änderungsanträge möglich und damit auch keine Diskussion solcher Anträge. Beides ist für einen rechtssicheren Beschluss aber unverzichtbar. 

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie auf eine Niederlage und einen Austritt Luckes reagieren?

Pretzell: Für mich persönlich würde sich nichts ändern. Die Partei wäre aber nicht mehr allein auf Lucke fixiert, der nur das Euro-Thema vertritt. Das kann auch eine Person allein. Aber die AfD ist keine Ein-Themen-Partei.

ZEIT ONLINE: Wer sollte die anderen Themen vertreten?  

Pretzell: Wenn Herr Lucke nicht gewählt wird, brauchen wir eher für ihn Ersatz. Mein EU-Parlamentskollege Joachim Starbatty hätte meine Unterstützung oder der stellvertretende baden-württembergische Landessprecher Jörg Meuthen, ein angesehener Finanzwissenschaftler.

ZEIT ONLINE: Starbatty ist Mitgründer des Weckruf 2015, Luckes Verein, der mit der AfD praktisch konkurriert.

Pretzell: Ich habe kein Problem mit Starbatty. Ich finde sein Engagement im Weckruf zwar fatal für die Partei, aber ich würde sofort mit ihm über Politik diskutieren.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie in Ihrem Landesverband für den Parteitag mobilisiert?

Pretzell: Ich habe keinen Sponsor wie der Weckruf, der seine Parteitagsteilnehmer bei den Fahrtkosten unterstützt. Ich habe mit vielen meiner Mitglieder gesprochen.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie Ihr Lager gezielt ansprechen?

Pretzell: Ich habe im Gegensatz zu manch anderem Funktionär in dieser Partei keine einseitige Mobilisierung betrieben. Das ist auch unnötig. Man muss die Mitglieder kaum auffordern, sie kommen von allein. Denn sie wissen: Es geht um die Existenz dieser AfD.