ZEIT ONLINE: Herr Stanley, wann ist Ihnen zum letzten Mal Propaganda begegnet?

Jason Stanley: Heute früh, beim Zeitunglesen. Ich stoße jeden Tag auf Propaganda, sie gehört zum Alltag.

ZEIT ONLINE: Was genau haben Sie heute gelesen?

Stanley:Präsident Obama hat die Schwarzen, die vor Kurzem in Baltimore rebellierten, thugs genannt. Das lässt sich am besten mit "gewissenlose Gangster" übersetzen. Obama hat damit den Eindruck erweckt, dass diese Leute keine normalen Bürger sind und außerhalb der Gesellschaft stehen. Wenn sich der Begriff in der amerikanischen Debatte festsetzt, wird das Folgen haben. Dann werden mehr Menschen beispielsweise die Meinung vertreten, dass diese Leute keinen fairen Prozess vor Gericht verdienen. Ein thug hat ja selbst kein Mitgefühl mit seinen Opfern, warum also sollten andere ihm mit Empathie begegnen?

ZEIT ONLINE: Propaganda betreibt also jemand, der emotional aufgeladene Begriffe benutzt, um Menschen oder eine Idee zu diffamieren?

Stanley: Damit fängt es an. Gefährlicher ist aber ein Vorgehen, das ich unterminierende Propaganda nenne: Jemand benutzt ein Ideal, um politische Ziele zu erreichen, die diesem Ideal widersprechen. Sehr erfolgreich machen das Medienunternehmen wie der Staatssender Russia Today oder Fox News in Amerika. Beides sind Propagandafabriken. Trotzdem ist der Werbeslogan von Fox News "Fair and Balanced". Dabei wissen selbst die eigenen Redakteure genau, dass sie bekannt dafür sind, weder fair noch objektiv zu berichten.

ZEIT ONLINE: Warum behaupten sie etwas, was ihnen niemand abnimmt?

Stanley: Es handelt sich um eine geschickte Methode, andere zu schwächen. Russia Today und Fox News sagen: Bei jedem wichtigen Thema gibt es mehrere Perspektiven. Ereignisse wie den Krieg in der Ukraine kann man ganz unterschiedlich bewerten. Es gibt unsere Sicht, aber auch ganz andere. Allerdings sind nur wir so fair und objektiv, Euch, den Zuschauern, das auch zu sagen. Wir machen niemandem vor, dass es nur eine Wahrheit gibt. Das ist perfide.

ZEIT ONLINE: Weil es so etwas wie Objektivität nach dieser Logik gar nicht gibt?

Stanley: Medien wie Fox News und Russia Today suggerieren, dass sie moralisch besser seien als die liberalen westlichen Medien, weil sie auf die Pose der Überparteilichkeit verzichten. In liberalen Demokratien besteht aber das Ideal der objektiven und vertrauenswürdigen Berichterstattung. Dem werden unsere Medien zwar nicht immer gerecht, aber parteiliche Medien haben diesen Anspruch gar nicht.

ZEIT ONLINE: Was können demokratische Medienvertreter oder Politiker gegen Propaganda- und Lügenpresse-Vorwürfe unternehmen?

Stanley: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, welche Begriffe wir verwenden und was wir mit ihnen auslösen. Mein Kollege Dan Kahan von der Universität Yale hat in Untersuchungen gezeigt, dass in Amerika beispielsweise viele Menschen mit einer republikanischen Gesinnung abschalten, wenn vom Klimawandel die Rede ist. Sie reagieren nicht mehr auf rationale Argumente.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Stanley: Die Weltsicht eines Menschen ist sehr wichtig für dessen Identität. Konservative wie Liberale wollen sich abgrenzen von Menschen, die anders denken. Deswegen rät Dan Kahan, möglichst oft mit politisch nicht aufgeladenen Begriffen zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Klimawandel klingt für deutsche Ohren nicht gerade nach Kampfrhetorik. Wo genau beginnt Propaganda?

Stanley: Es gibt keine klare Trennlinie, was ein Teil des Problems ist. Oft sind scheinbar harmlose Alltagsbegriffe aufgeladen mit Bedeutungen, die wir uns nicht bewusst machen. Die Philosophin Sally Haslanger sagt: "Das Wort Nutte ist nicht das Problem, Mutter ist das Problem."

ZEIT ONLINE: Wenn jemand das Wort Mutter benutzt, ist er schon ein Propagandist?

Stanley: Jedes Wort ruft Assoziationen hervor. Mit dem Wort Mutter verbinden viele, dass es sich um den Elternteil handelt, der am besten Kinder großziehen kann. Mit Assoziationen dieser Art können sie politische Debatten beeinflussen. Psychologische Tests zeigen die Wirkung von scheinbar normalen Worten wie Mutter. Und das ist genau das Phänomen, das Propaganda-Politiker nutzen: Sie verstehen es, gewöhnliche Worte wie Ehe oder Familie politisch-strategisch zu besetzen.