Der Mann in der langen weißen Soutane weiß, was er sich von der Bundeskanzlerin wünscht: "Große Ohren", sagt er. Der grauhaarige Bartträger ist Pater Oliver Potschien. Seit Jahren kümmert er sich in Duisburg-Marxloh um Asylsuchende, Zuwanderer und sozial Benachteiligte.

Nun sitzt er mit 60 anderen Bürgern der Kanzlerin gegenüber, um mit ihr über Lebensqualität zu reden. Es ist mal wieder Bürgerdialog. Zum dritten Mal seit Anfang Juni ist Merkel in Deutschland unterwegs, um sich von Bürgern sagen zu lassen, was für sie "Gut leben in Deutschland" bedeutet. Zuletzt war es dabei zum Eklat gekommen, als Merkel nicht die richtigen Worte fand, um ein Flüchtlingsmädchen zu trösten.

Diesmal hat sich Merkel für ihren Auftritt ein Ziel ausgesucht, das man gemeinhin als sozialen Brennpunkt bezeichnet. Von den 19.000 Einwohnern in dem Duisburger Stadtteil Marxloh haben mehr als 60 Prozent einen Migrationshintergrund, die Arbeitslosigkeit liegt bei 16,2 Prozent, über 40 Prozent der Marxloher sind auf staatliche Unterstützung angewiesen.  

Zuletzt machte der Stadtteil im Norden Duisburgs mit Berichten über Straßenkriminalität und gewalttätige Ausschreitungen gegen die Polizei Schlagzeilen. Die Polizeigewerkschaft warnt vor dem Entstehen eines rechtsfreien Raumes. Von einer No-Go-Area war die Rede. Nicht nur Pater Oliver, auch andere Teilnehmer des Bürgerdialogs sind darüber frustriert. "Die Medienberichterstattung über Marxloh in den vergangenen Tagen hat uns mitgenommen", sagt der Geistliche.

Zu viele Armutszuwanderer

Denn als No-Go-Area sieht er seinen Stadtteil keineswegs. Dass es Probleme gibt und sich viele von den ehrenamtlich Tätigen, die nun vor Merkel sitzen, alleingelassen fühlen, will Pater Oliver aber keineswegs leugnen. Gerade deshalb wünscht er sich ja die großen Ohren bei Merkel – für all das, was nicht so gut läuft.

Da ist vor allem die Sache mit den Armutszuwanderern aus Osteuropa. Die Auswirkungen bekommt man in Marxloh besonders zu spüren, weil es hier viele heruntergekommene Immobilien gibt, die von Schleppern zu völlig überzogenen Preisen an Roma vermietet werden. "Die Zuwanderer sind wie eine Invasion über uns hereingebrochen", sagt der Vertreter einer Bürgerinitiative. Und ein Berufsschullehrer hat einen Brief mitgebracht, in dem Anwohner die Probleme mit dieser Zuwanderergruppe schildern – 200 Marxloher haben ihn spontan unterschrieben.

Pater Oliver treiben andere Sorgen um. Er versucht, mit seinem pastoralen Zentrum Petershof zu reparieren, wo der Staat versagt. Zuwanderern aus Osteuropa, die nicht krankenversichert sind, bietet er eine Gesundheitssprechstunde an. Sein Arbeitszimmer räumte er, damit dort Schulkinder aus Bulgarien und Rumänien unterrichtet werden konnten. Aber so kann es nicht weitergehen, findet er. "Wir brauchen Hilfe."

Es gehört zu der Krux der Bürgerdialoge, dass Merkel für all diese Probleme, mit denen sich die Politik längst auf unterschiedlichen Ebenen auseinandersetzt, natürlich auch keine schnellen Lösungen anzubieten hat. Man müsse sehen, wie man das Geschäftsmodell derjenigen austrocknen könne, die Menschen in Schrottimmobilien unterbrächten, sagt sie zum Beispiel. Und dass Toleranz nicht Regellosigkeit bedeute. An Pater Oliver gewandt verspricht sie, sich weiter dafür einzusetzen, dass die Lebensbedingungen für die Roma in ihren Heimatländern besser würden. Das hilft dem Geistlichen erst mal wenig.

Natürlich geht es auch darum, wie der große Zustrom von Flüchtlingen aus anderen Ländern bewältigt werden soll. Routiniert spult Merkel ihre Lösungsansätze ab: Die Flüchtlinge müssten in Europa fair verteilt werden, fordert sie, sichert den Ländern und Kommunen aber auch weitere Unterstützung durch den Bund zu.