Vor Augen habe ich Egon Bahr als jungen Mann, obwohl er bei unseren letzten Begegnungen schon über 90 Jahre alt war. Als sinke er weiter in sich zusammen, so nahm man ihn wahr, aber sobald er sich zu Wort meldete im kleinen Kreis, wirkte er hellwach, bezog sich auf Frank-Walter Steinmeier, Angela Merkel, den russischen Botschafter, Hans-Dietrich Genscher, mit denen er gerade gesprochen hatte; und dann dozierte er, erstens, zweitens, drittens, wie die Lage aus seiner Sicht zu beurteilen und was zu machen sei ...

Nein, Egon Bahr, 1922 im thüringischen Treffurt geboren, gehörte nicht einfach zum Inventar der Republik, obwohl er seit den 1950er Jahren Politik machte, einer Zeit also, als man sich ein Ende der Teilung schlicht nicht vorstellen konnte. Wer daran glaubt, dass Worte, intelligente Argumente, Analysen, vor allem aber, ja, man muss es so sagen, Visionen Kern der Politik sind und Verhältnisse verändern, für den zählt Bahr schon seit Langem zu den wenigen, auf deren Schultern die Republik steht. Pathetisch gesagt: Auf den Schultern von Riesen!    

"Wandel durch Annäherung" gilt als Bahrs berühmteste Formel. Geprägt hat er sie im Jahr 1963 bei einer Rede in Tutzing, zwei Jahre nach dem  Mauerbau in Berlin. Man könnte dem andere Bahr-Worte hinzufügen, "Entfeindung", "ohne Frieden ist alles nichts", "der Schlüssel liegt in Moskau" – aber darum geht es hier nicht in erster Linie. Zeigen möchte ich nur, dass solche Worte ihre Wirkung nur entfalten, wenn in ihnen die Realität schonungslos zum Ausdruck kommt, und wenn sich daraus eine Vision ableitet. Das machte aus Worten Politik.

Seinem späteren Freund Willy Brandt, der den Rias-Journalisten Bahr als Sprecher ins Schöneberger Rathaus geholt hatte, ging das Wort vom "Wandel durch Annäherung" eine Spur zu weit, wie er erst später gestand. Der Sturm der Entrüstung machte auch klar, weshalb: Gedeutet wurde Bahrs Rede ja als erste Raketenstufe einer sozialdemokratischen Politik des Appeasement, die nicht nur eine Anerkennung des zweiten deutschen Staates antizipierte, sondern auch von der Bundesrepublik Anpassungen an den kommunistischen Sattrappen "DDR" (man schrieb sie noch gerne in Anführungszeichen) verlange. 

Methode Ostpolitik

Egon Bahr dachte anders: Nur das schonungslose Akzeptieren der Realität erlaube es, sie zu verändern. Er war, wenn man so will, der große Dialektiker  der deutschen Politik. In dem Sinne verhandelte er mit Andrej Gromyko und Leonid Breschnew 1970, so zeigte er Verständnis für das Kriegsrecht in Polen 1981, und das bewog ihn, in der Ukraine-Krise 2015 Wladimir Putin unbeirrt ernst zu nehmen als satisfaktionsfähigen Gesprächspartner. Seiner eigenen Methode – in der Ostpolitik bewährt – vertraute er immer.  

Vergessen darf man nur nicht: Er war nicht allein, er war der Mann an Brandts Seite. Eine derart erfolgreiche politische Freundschaft wie zwischen diesen beiden habe es nie mehr gegeben, sagte mir einmal Richard von Weizsäcker. Nur gemeinsam hätten sie so viel erreichen können. Ein großer Buchstoff stecke darin, fügte er noch hinzu.

Streiten kann man sich ganz gewiss darüber, ob er damit der wahre Vater der Deutschland- und Ostpolitik geworden sei, die nach dem Machtwechsel von 1969 unter der Regie Willy Brandts in der sozialliberalen Koalition mit Außenminister Walter Scheel realisiert wurde.

Umarmung statt Konfrontation

In den autobiographischen Rückblicken, die Bahr nach dem Tod Brandts publizierte, klang gelegentlich durch, den frühen Gegenentwurf zu Konrad Adenauers Deutschlandpolitik habe er ersonnen. Schon vor dem Mauerbau sei ihm klar geworden, dass nicht mit einer Politik der Konfrontation oder der Stärke, sondern nur mit einer Umarmungsstrategie die Einheit wiederzuerlangen sei. Auf dialektische Weise sozusagen.

Es schmälert Egon Bahrs Beitrag zur Nachkriegspolitik freilich nicht, wenn man sagt, dass nur im Duo mit Willy Brandt die Vision wahr werden konnte. Willy Brandt betrachtete Bahr nicht als sein Alter Ego, das genauso denke wie er, sondern als den autonomen Denker an seiner Seite, der sich freier bewege. Brandt dachte vermutlich subversiver, er sprach nicht über diese heimliche Seite der Ostpolitik, die sie zweifellos hatte, aber sein Leben als junger Mann im norwegischen Exil und im spanischen Bürgerkrieg hatte ihn gelehrt, dass Moskaus Kommunisten die Sozialdemokraten als Hauptfeind betrachteten. 

War er insgeheim ein "Nationaler?

Freund Bahr dachte eher in Gleichgewichtskategorien, er wollte Stabilität, nicht Unterwanderung. Seine Formel "Wandel durch Annäherung" war aber  insofern genial, als sie alles offen ließ – und, wie die Geschichte zeigte, führte die Annäherung zum Ende des Sowjetimperiums. Hätte es, Triumph der Dialektik, das Vertrauen im Osten nicht gegeben, dass der Westen die gesicherten Grenzen der Jalta-Ordnung akzeptiere und die Realität der Block-Welten anerkenne, wäre die Blockkonfrontation eher verschärft, jedenfalls nicht abgebaut worden von Michail Gorbatschow.

Im Rückblick könnte man meinen, Egon Bahr sei nicht nur der autonome  Kopf – der nicht Rücksicht nehmen musste wie Berlins Regierender  Bürgermeister –, sondern auch der begnadete Begründer, Interpret und schließlich auch Unterhändler der Ostvertragspolitik gewesen, alles in einer Person. Wann hätte es das je gegeben? Brandt arbeitete in Berlin am Kontrastprogramm zum rheinländischen Kanzler Konrad Adenauer, er glaubte wie John F. Kennedy, nur eine Politik der Entspannung werde zu einer allmähliche Wiederannäherung führen. 

Aber Egon Bahr diente ihm nicht als Multiplikator, der seine Politik popularisiert hätte, er erwies sich vielmehr als Idealbesetzung, um hinter den Kulissen zu verhandeln. Wirklich zum Zug kam das, als Brandt nach dem Machtwechsel nicht nur eine Anerkennung  der DDR in Aussicht stellte, sondern auch die Verträge mit Moskau, Warschau, Prag und Ostberlin ausverhandelt werden sollten. Der Vordenker musste nun beweisen, dass er mehr konnte, als schön und genau zu formulieren. Und tatsächlich, Bahr bewies sich als unvergleichlich geschickter Verhandler. So gern ihm seine Widersacher – allen voran Franz Josef Strauß – auch nachgewiesen hätten, hinter den Kulissen habe er deutsche Interessen verraten, es stellte sich heraus, dass er ohne jede Kumpanei auch unter vier Augen mit Moskaus Potentaten stets um einen rationalen Kompromiss nach vertretbaren Maßstäben bemüht war.

Kein Europäer der ersten Stunde

War er insgeheim vor allem ein "Nationaler", dem es zuerst und zuletzt um ein geeintes Deutschland ging? Man zögert – im Rückblick. Freund Brandt dachte schon als junger Exilant auffallend europäisch. Zu den Europäern der ersten Stunde wie Brandt kann man Bahr wohl nicht zählen. Trotzdem wäre es falsch, mit dem Oxforder Historiker Timothy Garton Ash zu sagen, die deutsche Ostpolitik, von Bahr geprägt, habe "im Namen Europas" gesprochen – in Wahrheit aber nur deutsche Interessen und also die deutsche Einheit verfolgt. Bahr hat die Ostpolitik nicht alleine gemacht. Ohne Brandt, den europäischen Brandt, wäre sie nicht geglückt. Unter der Lupe betrachtet, lassen sich allerdings Differenzen zwischen Brandt und Bahr erkennen. Auch Bahrs Bekenntnisse zu Europa verbargen nur notdürftig, dass er an eine Emanzipation von Amerika dachte. Wenn Deutschland dazu nicht in der Lage war, musste es eben Europa leisten.

Aber damit wird man Bahr nicht gerecht. Während der Ukraine-Krise – die noch andauert – ergriff er vehement Partei für die Position, sich in Russlands Lage zu versetzen und auf keinen Fall den Dialog zu gefährden, und schloss sich einem Aufruf an, der dafür warb, die Entspannungspolitik nicht aufs Spiel zu setzen. Wer ihn in den vergangenen Jahren erlebte – und ich hatte das Glück – hatte einen bis zuletzt präsenten, in den europäischen und internationalen Fragen leidenschaftlich engagierten jungen alten Herrn vor Augen, der das Analysieren in kurzen Sätzen so liebte wie eh und je, und der nie, nie um Popularität buhlte.

Zuhören wollte er, und unverschnörkelt seine Meinung begründen. Politik war ihm lebensernst. Manchmal klang es zuletzt so, als verteidige er – nicht  verzweifelt, aber besorgt – seine Welt, in der er eine Schlüsselrolle spielte in den siebziger und achtziger Jahren; auch seine unbestreitbaren Erfolge,  denn die Ost- und Entspannungspolitik hat ja Geschichte gemacht.

Vor Augen bleibt mir aber auch jener Egon Bahr, dem man als Journalist in Bonn gebannt zuhörte, ob man ihm immer applaudierte oder nicht, den man jedenfalls immer schätzte – als eine autonome Stimme, von denen es so wenige gab, und von denen man der Republik mehr wünschte.