Am Tag als Angela Merkel Heidenau besucht, geht einiges schief mit der Verständigung. Vor allem in jenem Augenblick, auf den alle gewartet haben. Was wird die Kanzlerin sagen, nach ihrem Besuch in einem Heidenauer Baumarkt, jetzt Notunterkunft für Flüchtlinge, vor der seit Tagen ein rechtsextremer Mob wütet?

Stundenlang belagern Hunderte Journalisten die Straße und warten auf dieses Statement. Als Merkel endlich vor die Mikrofone tritt, wird der Moment zur ironischen Szene. Die Kanzlerin spricht – aber kaum jemand hört sie; nebenan röhrt die gigantische Kühlanlage eines Möbelwerks. Die Masse hängt an ihren Lippen und sieht, dass sich dort Sätze formen. Welche genau, verstehen leider nur empfindliche Mikrofone. Aber das dürfte vorerst genügen, denn Angela Merkel ist hier, um Bilder zu produzieren. Symbolischer Bilder von einer Bundeskanzlerin, die zum ersten Mal ein Flüchtlingsheim betritt.

Verständnislosigkeit. Das ist auch an anderer Stelle Thema, nur dröhnt und tönt es dort ganz anders. Rund um den Praktiker-Markt haben sich schon lange vor Merkels Ankunft in der Mittagszeit schätzungsweise 300 Menschen versammelt. Ein paar Schaulustige sind dabei, für sie ist "die Angie" so etwas wie die Königin des Landes, man will sie einfach mal zu Gesicht bekommen, ohne böse Absichten.

Der größere Teil hat schlechte Laune. Immer wieder tönen Sprechchöre: "Lügenpresse", "Volksverräter" und "Wir sind das Pack". Vizekanzler Sigmar Gabriel, der bereits am Montag in Heidenau war, hatte die Gewaltexzesse in Heidenau mit markigen Worten verurteilt – die nehmen ihm hier viele übel. 

Nebenbei wuchern Verschwörungstheorien. Ein Mann bezweifelt, dass bei den Randalen tatsächlich 33 Polizisten verletzten wurden. "Die sind doch so dick angezogen. Da kann doch gar nichts passieren", raunt er seiner Frau zu. Die aus aller Welt angereisten Kamerateams können leichte Beute machen, überall stehen Heidenauer, die sich verbal entladen. "Merkels Besuch hier ist doch völlig sinnlos. Für mich ist es schon ein Widerspruch, dass eine Ostdeutsche Kanzlerin ist. Die kennt sich doch gar nicht aus mit dem Kapitalismus", diktiert ein Rentner einem dänischen Reporter in den Block. Was das mit dem Flüchtlingsheim zu tun habe, mischt sich ein anderer Anwohner ins Gespräch. "Das läuft doch alles total durcheinander. Wenn sie in Heidenau 1.000 Leute fragen, dann hören sie 800 verschiedene Aussagen, wer da unten drin ist", sagt er und zeigt auf den Praktiker-Baumarkt. "Mal sind es nur alleinstehende Männer, mal nur Syrer, mal alles Diebe."

575 Flüchtlinge sind in der ehemaligen Verkaufshalle mittlerweile einquartiert. Ein paar trauen sich nach draußen und geben Interviews, den meisten aber ist die Lage zu unruhig. Innenansichten wird es an diesem Tag nicht geben. Der Besuch in der Erstaufnahmeeinrichtung findet hinter verschlossen Toren statt. Die Presse ist nicht zugelassen.

Auch der sächsische NPD-Mann Hartmut Krien wartet auf Angela Merkel. In zerbeulten Jogginghosen und Hausschlappen steht er auf der Wiese. Er war vergangenen Freitag Redner bei der Heidenauer NPD-Demo – dem Ausgangspunkt der ersten Gewaltnacht. Von den ursprünglich 1.000 Demonstranten hatten sich nach Polizeiangaben etwa 600 Personen abgekaspelt, um vor das Flüchtlingsquartier zu ziehen. In der Nacht flogen aus dieser Menge Flaschen, Steine und Böller. Krien sieht jedoch keine Zusammenhang. "Da waren maximal 50 Leute von uns dabei. Die anderen waren Randalierer, die sich vorher besoffen haben." Seine Partei sei für die Schlagzeilen über Heidenau jedenfalls nicht verantwortlich.

Der Mann, der mit aller Kraft versucht, die Scherben dieses Wochenendes in Heidenau halbwegs zu beseitigen, heißt Jürgen Opitz. Seit Tagen spricht der Bürgermeister der Stadt in Kameras, verurteilt Gewalt und plädiert für Solidarität mit den Flüchtlingen. Anfang der Woche hatte er sich den Besuch der Bundeskanzlerin gewünscht, nun ist sie tatsächlich gekommen. Nicht ganz zufällig. Die Tour nach Heidenau stand schon lange fest, ursprünglich sollte es aber um andere Dinge gehen. Um Luxusgüter. Merkel soll am Nachmittag den Neubau einer Glashütter Uhren-Manufaktur einweihen, gut 20 Kilometer von Heidenau entfernt; ein sächsisches Prestigeobjekt. Über den Besuch haben die Manufaktur und das Bundeskanzleramt seit vergangenem Jahr verhandelt. Dann kam die Heidenauer Randale dazwischen. Und das Erstaufnahmequartier lag auf dem Weg.