Die Snowden-Dokumente über möglicherweise massenhaft überwachte Deutsche waren dem Generalbundesanwalt keine Ermittlungen wert. Auch die jüngst von Whistleblowern veröffentlichten Listen mit von den Amerikanern abgelauschten deutschen Ministerien hätten sein Interesse wecken können. Gelangte der US-Geheimdienst an geheime Verhandlungsstrategien? Wie schädlich waren die Abhöraktionen für deutsche Interessen? Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Umweltministerin Barbara Hendricks, sie alle wurden abgehört. Aber der Generalbundesanwalt sah bisher keinen Anlass dafür, Ermittlungen einzuleiten. Es fehlten "gerichtsfeste Beweise", sagte Range Ende Juli – als wäre es nicht seine Aufgabe, diese selbst durch Hartnäckigkeit zu beschaffen.

Das überwachte Merkel-Handy war der Bundesanwaltschaft immerhin nach langem Zögern ein Verfahren wert, das dann aber ebenfalls mangels Beweisen eingestellt wurde. Der Grund: Originaldokumente liegen nicht vor. Auch die Erkenntnisse über Folter von Deutschen durch die CIA führten bisher nicht zu einem Tätigwerden der Bundesanwaltschaft – hier wiederum verwies Range auf fehlende Kooperation in den USA. 

Qua seiner Funktion sollte Range der oberste Aufklärer sein, wenn es um die Gefährdung von Landesinteressen oder von Wohl und  Sicherheit von Deutschen geht. Doch davon war zuletzt wenig zu sehen. Auf sein Nicht-Handeln in der NSA-Affäre angesprochen, sagte der Generalbundesanwalt 2013, er sei sich den Verwerfungen im "diplomatischen Bereich" bewusst, die seine Ermittlungen auslösen könnten. Damals dachte er also politisch und weniger juristisch-aufklärerisch. Doch nun, wo es um Ermittlungen gegen Journalisten und nicht zuletzt auch seinen Ruf geht, wird Range plötzlich grundsätzlich.

Justizminister Maas wird nun überlegen müssen, ob er seinen Generalbundesanwalt wegen Illoyalität und Inkompetenz entlässt. Eigentlich ist das die einzige Option, aber eine mit unschönen Folgen: Tut der Minister es, wird ihm noch mehr der Vorwurf gemacht werden, politisch Einfluss zu nehmen. Am ärgerlichsten ist, dass der Fokus dieser Affäre wegrückt von den eigentlich interessanten Akteuren: Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der mit seiner Anzeige die Journalisten und den Informanten einschüchtern wollte und dennoch seltsam über den Dingen steht. Und Innenminister Thomas de Maizière, der mal wieder von nichts gewusst haben will. Sie sind die lachenden Dritten in diesem unwürdigen Spiel.