Am Ende der einwöchigen Sommerreise von Vizekanzler Sigmar Gabriel soll es eigentlich um Pflege und ärztliche Versorgung auf dem Land gehen. Ein wichtiges Zukunftsthema, finden die Sozialdemokraten. Also absolvieren Gabriel, seine Mitarbeiter und die Journalisten unter Führung der motivierten SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz ein anspruchsvolles Programm: Sie besuchen eine Tagespflege-Einrichtung, die Uniklinik und zwei Gesundheitszentren auf dem Land. Gabriel schüttelt Hände von Demenzkranken, fachsimpelt mit Ärzten und schmeichelt Pflegern, die nach seiner Meinung oft von Medizinern untergebuttert werden.

Aber dann dreht sich doch wieder alles um Flüchtlinge. Wegen der "aktuellen Entwicklung", so Gabriels Sprecherin, hält der Bus der Delegation kurzfristig in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ingelheim in der Nähe von Mainz. Die Woche, die Gabriel für seine Sommerreise wählte, hat sich nämlich als eine Woche der Gewalt gegen Flüchtlingsheime und deren Bewohner entpuppt. Eine Woche, in der man jeden Morgen mit einer neuen Nachricht aufwachte, dass wieder eine Flüchtlingsunterkunft gebrannt hat oder ein Molotow-Cocktail in das Zimmer einer Flüchtlingsfamilie geworfen wurde. Es war eine Woche, in der sich der rechtsextreme Hass in Heidenau ganz ungehemmt entlud und die Polizei überfordert wirkte. Eine Woche, in der die Kanzlerin in Heidenau als "Volksverräterin" und "Hure" beschimpft wurde.

Gabriel war einer der Ersten, der dafür klare Worte fand: "Keinen Millimeter" dürfe die deutsche Gesellschaft solchen Rassisten Platz geben, der Vizekanzler nannte sie "Pack". Schon am Montag besuchte er die Flüchtlinge in Heidenau in ihrem stickigen, traurigen Baumarkt-Lager, sicherte ihnen Solidarität zu und schien seitdem der zögernden Kanzlerin immer um zwei Schritte voraus.

Der Kampf gegen Rechtsextremismus, das ist etwas, das Gabriel glaubhaft umtreibt. Beim Thema Flüchtlinge kann er zudem seine Emotionalität gewinnbringend einsetzen, sie war ihm oft vorgeworfen worden. Der Kontrast zur technokratischen Kanzlerin wird so noch sichtbarer. Angela Merkel wirkte bei ihren Fernsehstatements zu Heidenau unbeholfen und las ihre Worte vom Blatt ab. Gabriel ließ sie aussehen wie eine Getriebene.

Solch gute Tage hatten die deutschen Sozialdemokraten in letzter Zeit nicht allzu oft. Bisher nörgelten SPDler lieber über ihren Vorsitzenden, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig räsonierte vor einigen Wochen öffentlich über die Frage, ob seine schwache Partei überhaupt eines Kanzlerkandidaten würdig sei. Entsprechend gelöst wirkt Gabriel bei seinem Rheinland-Pfalz-Programm. In Ingelheim besucht er sehr bewusst sein sechstes Flüchtlingslager in diesem Jahr. Auch das in Kontrast zu Merkel, die nur in Heidenau war und das auch reichlich spät.

"Sie wollen Politiker, die die Wahrheit sagen"

Vor Ort ignoriert Gabriel das Programm, das für ihn vorbereitet ist, und spricht ausführlich mit Albanern, die sich im Hof versammelt haben. Junge Männer sind es, einer kann ein bisschen Deutsch. Zum Arbeiten seien sie hier. Asyl bräuchten sie eigentlich nicht, nur eine Zukunft. Einer hat Schulden in Albanien, kein Dach über dem Kopf. Der andere klagt über die Korruption in seinem Land. Gabriel widerspricht: Wo würde das hinführen, wenn jeder in Deutschland Asyl bekäme, in dessen Land es Korruption gibt. Zwar diskutiere die Politik gerade, Menschen vom Balkan Arbeitsvisa zu geben, erzählt Gabriel den Albanern – aber nur, wenn sie schon ein Stellenangebot zu deutschen Tarifbedingungen vorweisen könnten. "Sie wollen Politiker, die die Wahrheit sagen", sagt der Vizekanzler auf Englisch: "Die Wahrheit ist: Sie werden nicht in Deutschland bleiben können." Der junge Mann schaut enttäuscht und verärgert. "Aber warum?", fragt er.

Von der großen Koalition bis hin zu den oppositionellen Grünen – angesichts der hohen Flüchtlingszahlen ist die deutsche Politik längst dabei, die Ankommenden in zwei Gruppen aufzuteilen: Flüchtlinge mit "guter Bleibeperspektive", wie Syrer und Iraker, und dann eben solche wie die vom Balkan, die nun in den Erstaufnahmeeinrichtungen behalten werden sollen, um bei einer erwartbaren Ablehnung ihres Asylantrags schnell abgeschoben werden zu können. Für Sozialdemokraten, die sich als linke, migrationsfreundliche Partei sehen, ist diese Entwicklung keine schöne. Aber die zunehmende Überforderung der Behörden und der Kommunen verlangt ihren Zoll. Gleichzeitig muss der SPD-Chef seine Leute bremsen. Was er von der Idee des Thüringer SPD-Chefs Andreas Bausewein halte, Flüchtlingskinder vom Balkan schon gar nicht mehr in deutsche Schulen gehen zu lassen? Er halte das "klar für falsch", sagt Gabriel.

Vor allem aber treiben ihn die Ressentiments der sogenannten Mitte der Gesellschaft um. In einem Gastbeitrag für die ZEIT unterscheidet Gabriel zwischen dem "braunen Stammtisch", mit dem zu reden zwecklos sei, auf der einen Seite. Und andererseits denen, die Ängste und Vorurteile haben, "Seelen, um die jeder Demokrat kämpfen muss", findet der Vizekanzler. Für ihn sind die Diskussionen der vergangenen Tage auch eine Bestätigung dafür, dass er mit seinem Besuch bei Pegida-Anhängern Anfang des Jahres richtiggelegen habe. "Wir müssen auch Konflikte offen ansprechen", sagt Gabriel in Ingelheim. Unschöne Folgen der zunehmenden Einwanderung wolle er nicht verschweigen, verspricht er.