Der SPD-Politiker Egon Bahr ist tot. Er starb im Alter von 93 Jahren, wie ein Sprecher der Partei bestätigt.

Bahr gilt als Baumeister der deutschen Ostpolitik. Mit seiner berühmten Tutzinger Rede (PDF) prägte er den Ansatz vom "Wandel durch Annäherung". Mit Moskau und Warschau verhandelte Bahr über Verträge zu einem Gewaltverzicht und zur Normalisierung der Beziehungen. Außerdem suchte er die Annäherung an die DDR, um die deutsch-deutschen Verhältnisse zu verbessern.   

SPD-Chef Sigmar Gabriel würdigte Bahr in einer ersten Reaktion gegenüber der Bild-Zeitung als "großen Vordenker der Sozialdemokratie". Bahr habe "mit einzigartiger politischer Tatkraft Konzepte in die Tat" umgesetzt. Die Ostpolitik Brandts und Bahrs sei eine entscheidende Voraussetzung zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas gewesen. "Wir sind dankbar, dass er seine Sozialdemokratie bis in die jüngste Zeit stets loyal als unermüdlicher Ratgeber begleitet hat und werden seine analytische Brillanz, seine Rationalität und Leidenschaft, aber auch sein Temperament und seinen liebenswürdigen Humor sehr vermissen", sagte Gabriel. 

Der 1922 im thüringischen Treffurt geborene Bahr nahm von 1942 bis 1944 als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. Der SPD trat er 1956 bei. Von 1960 bis 1966 war Bahr Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin und als solcher Sprecher des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. In der Folge war seine Karriere eng mit dem späteren ersten SPD-Bundeskanzler verknüpft. "Er war ein Außenseiter, aber er war zäh", sagte Bahr dem ZEITmagazin über Brandt.

Bahr wirkte unter anderem als Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Im Jahr 1972 wurde er Bundesminister für besondere Aufgaben. Nach dem Rücktritt Brandts im Jahr 1974 wurde Bahr unter Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Bahr meldete sich auch nach seiner aktiven Laufbahn immer wieder zu Wort. Auch gegenüber den eigenen Reihen sparte er nicht mit Kritik. Anfang der 1980er Jahre zählte er beispielsweise zu den Gegnern des von Schmidt vehement befürworteten Nato-Doppelbeschlusses. Noch mit mehr als 90 Jahren versuchte Bahr vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts sein altes Konzept des gegenseitigen Respekts auf das aktuelle Verhältnis zu Russland zu übertragen, was ihm den Vorwurf unkritischer Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin einbrachte.