Der Feind im selben Zimmer – Seite 1

Mutmaßlich wegen einer herausgerissenen Seite aus einem Koran ist die Lage in der Asylbewerberunterkunft in Suhl Mittwochnacht eskaliert. Bilder von zerschlagenen Fenstern und zertretenen Türen zeigen, welcher unvorstellbare Zorn sich in der Unterkunft in Thüringen entladen hat. Die Polizei musste auf Verstärkung warten, bevor sie sich traute, das Gelände zu betreten.

Vordergründig ist dieser Ausbruch der Gewalt wie viele Spannungen den ethnischen Rivalitäten geschuldet: Aus dem Bürgerkrieg in Syrien und im Irak fliehen gleichermaßen Kurden, Alewiten, Jesiden und Angehörige anderer Volksstämme. Die einen stehen eher auf der Seite Assads, die anderen auf einer der Rebellen-Gruppen. Ebenso komplex ist die Lage in vielen afrikanischen Ländern oder auch Afghanistan wo sich teils verfeindete Ethnien gegenüberstehen. Nach ihrer Flucht sollen sie sich dann in Deutschland ein Zimmer teilen. "Bei so sensiblen Herkunftsländern versuchen wir schon heute, die Menschen früh zu trennen und Bürgerkriegsparteien auseinanderzuhalten", sagt Helmuth Stoll, Referent für Migration bei der Diakonie.

Politiker wie auch etwa der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) fordern deshalb nach dem Vorfall von Suhl, Flüchtlinge stärker nach Ethnien zu trennen. Verbände wie der Flüchtlingsrat kritisieren dagegen vor allem das Gedränge in den Unterkünften und fordern mehr Privatsphäre für die Menschen dort. Das ist dringend notwendig. Doch kann das auch nur ein erster Schritt sein.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) führt keine Statistik darüber, wie viele Gewalteruptionen welchen Hintergrund haben. NGOs, Sozialarbeiter, Ehrenamtliche und Wohlfahrtsverbände stoßen aber auf wiederkehrende Muster. Neben den ethnischen sind das: religiöse, psychologische, soziale und kulturelle.

Letztes Jahr sorgte ein Fall für Aufsehen, über den die ZEIT berichtete: Ein Christ aus dem Irak fühlte sich in deutschen Flüchtlingsunterkünften derart bedroht von seinen muslimischen Mitbewohnern, dass er ein zweites Mal floh: zurück in den Irak. Religiöse Konflikte scheinen häufig: Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierung und Erpressung gegen christliche Flüchtlinge seien alltäglich, beklagen zum Beispiel der Zentralrat der orientalischen Christen und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte. Schon 2010 versuchte die Regierung von Niederbayern daher kurzfristig, Moslems und Christen unter den Asylbewerbern zu trennen.

Die Diakonie hat vergangenes Jahr 75 ihrer Mitarbeiter vor Ort zu religiösen Spannungen befragt. Ergebnis: In der Mehrzahl kommen die Menschen unterschiedlicher Religionen gut miteinander aus. Wobei unklar ist, wie viele Streitigkeiten im Verborgenen ausgetragen werden und sich nur an alltäglichen Konflikten entzünden. "Oft ist der Auslöser ganz banal. Wie in jeder WG stauen sich in den gemeinsam genutzten Räumen Emotionen auf", sagt Stoll von der Diakonie.

Ein offen gelassener Kühlschrank, dreckiges Geschirr, aufgebrauchte Milch – "Solche Alltagskonflikte können ganz schnell hochgehen", sagt auch Esther Kleebladt. Sie arbeitet bei der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) und behandelt Flüchtlinge mit psychischen Problemen. "Viele Flüchtlinge haben von klein auf Gewalt als eine Handlungsoption im Konfliktfall erlebt." So können Situationen ungewollt schneller eskalieren als bei Menschen, die in einem geborgenen Umfeld Konsens und Bewältigung gelernt haben.

"Was macht das mit Menschen?"

Noch konfliktreicher kann es werden, wenn Flüchtlinge traumatisiert sind. In zwei Studien haben Forscher untersucht, auf wie viele das zutrifft. Sie kamen zu dem Schluss, dass zwischen 30 und 40 Prozent ein Trauma erlitten haben. Was macht das mit Menschen? "Einer unserer Klienten, ein friedfertiger Mann, ist nachts hoch geschreckt, glaubte er sei wieder in Syrien, fühlte sich von seinem Mitbewohner bedroht und setzte ihm ein Messer an die Kehle", erzählt die Psychologin Kleebladt. Am nächsten Morgen, wieder bei Bewusstsein, habe sich der Flüchtling nicht mal mehr daran erinnern können. "Das ist typisch für solche Traumata. Das ist kaum bewusst zu steuern und deshalb sehr gefährlich."

Eine Gruppe mit Hunderten Kriegsflüchtlingen, von denen womöglich einige nicht mehr vollends Herr ihrer Sinne sind – das ist ein Pulverfass. Eine mögliche Lunte: Rassismus. "Natürlich haben wir auch unter den Flüchtlingen ein Problem mit Rassismus", sagt  Stoll. "Es wäre naiv zu glauben, dass Rassendiskriminierung ein weißes Phänomen sei", bestätigt auch ein Ehrenamtlicher aus Baden-Württemberg: "In vielen Ländern des Nahen Ostens ist Diskriminierung von Schwarzen alltäglich – das legt man nicht an der Grenze ab."

Verstärkt werde dies durch soziale und demographische Spannungen. Aus Syrien flieht zumeist die gebildete Oberschicht, Ärzte, Anwälte, Ingenieure. "Und die sitzen dann zusammen mit armen Analphabeten aus Somalia oder Roma vom Balkan", sagt der freiwillige Helfer. Besonders zwischen Balkan- und Kriegsflüchtlingen entbrenne eine Konkurrenz. "Den Syrern ist sehr wohl bewusst, dass die Menschen vom Balkan nicht die selben Gräuel erlebten wie sie."

Die Helfer finden es deshalb überraschend, wie ruhig es insgesamt noch sei. "In Anbetracht dessen bin ich überrascht, dass es nicht viel häufiger kracht", sagt Helmuth Stoll. "Die sieben Quadratmeter, die einem Flüchtling zustehen, werden häufig unterschritten." Die Enge ist nicht Auslöser sondern Katalysator für die zahlreichen Streitereien. Mehr Raum und ethnische Trennung würden sicher den Druck ablassen. Doch Aufarbeitung, Integration und den Einstieg in die liberale Bürgergesellschaft ersetzen sie nicht.

Im vergangenen Herbst reichte in Wien ein Fußballspiel zwischen Albanien und Serbien, um die zweite Generation der Balkanflüchtlinge in Straßenschlachten aufeinander losgehen zu lassen. In Hamburg stachen im Oktober Kurden und Salafisten bei Massenkrawallen mit Macheten und Dönerspießen aufeinander ein. Palästinensische Jugendliche, in Deutschland geboren, trugen den Gaza-Krieg in Berlin auf die Straße. Sie alle leben seit Jahren im Westen, sind keine Gebrannten der aktuellen Kriege und Unruhen in ihren Herkunftsländern. Ethnische und räumliche Trennung mögen ein Nebeneinander in der Flüchtlingsunterkunft kurzfristig befrieden. Das löst aber keine Konflikte. Das Ziel muss nämlich das dauerhafte friedliche Miteinander sein.