Plötzlich sind sie da, alle miteinander. Die 600 Flüchtlinge von Heidenau, die seit einer Woche im Auge eines Orkans leben. Abgeschirmt hinter hohen Zäunen, verschanzt in einem ehemaligen Baumarkt, vor dem seit Tagen Rechtsextreme wüten. Die Halle hat nur wenige Fenster, aber sogar die wurden vergittert, vorsichtshalber, damit kein Geschoss gefährlich wird. Auf die Straße hat sich kaum jemand getraut, ab und zu ist ein Grüppchen gegenüber in den Supermarkt gehuscht. Alles andere – brandgefährlich.

Die Flüchtlinge, über die so viel gezetert wurde, hat bisher kaum jemand zu Gesicht bekommen. Bis zu diesem Freitagnachmittag, dem ersten Moment der Freiheit. Eine Schleuse öffnet sich. Hunderte strömen um 15 Uhr aus dem Tor des Erstaufnahme-Provisoriums und laufen ein paar Meter entfernt zu einer Wiese. Hier gibt es ein Willkommensfest für Flüchtlinge.

Donnerstagabend hatte das zuständige Landratsamt ein Versammlungsverbot verhängt, gültig von Freitagmittag bis Montagmorgen. Begründung: Polizei-Notstand. Da hatte das Bündnis Nazifrei längst zum Flüchtlingsfest aufgerufen. Das Verbot wollten viele nicht akzeptieren, es folgte Widerstand aus allen Ecken. "Ich fahre trotzdem nach Heidenau", sagte unter anderem Grünen-Chef Cem Özdemir. Hochnervöses Verhandeln, eilige Pressekonferenzen, Freitagmittag wieder eine neue Wendung: Das Dresdner Verwaltungsgericht erklärte das Demo-Verbot für "offensichtlich rechtswidrig".

Randvolle Kisten mit Spenden

Zwei Stunden später auf der Heidenauer Wiese. Der erste Festakt ist ein Wimmelbild. Ein Lkw aus Berlin, randvoll gefüllt mit Kartons, alles Spenden. Kleidung, Spielzeug, Zahnpasta, Handtücher. Die Kisten werden auf dem Gras verteilt und in Windeseile auseinander genommen. Männer, Frauen, Kinder, sie stürzen sich darauf, probieren eilig Schuhe, pflücken sich Hosen, Shirts und Winterjacken. Wahllos, es geht nicht um Geschmäcker, nur um das Nötigste zum Anziehen. Viele besitzen nicht mehr als die Kleidung, die sie am Leib tragen.

Auch Mohamad hatte bei seiner Ankunft in Heidenau keinen Koffer dabei, nur ein paar Habseligkeiten in einem Beutel. Sein erster Besitz in Deutschland ist ein großer Sack, den er hastig mit Kleiderspenden vollstopft. Obendrauf liegt eine Puppe. Er habe sich von Aleppo über die Balkan-Route nach Deutschland durchgeschlagen, erzählt der 43-jährige Syrer. Seine Frau und die drei Kinder warten noch in der alten Heimat, er will sie irgendwann nach Deutschland holen. Sie fehlen ihm schon jetzt, deshalb die Puppe. "Wenn ich sie sehe, denke ich an meine Kinder."

Um den Kleiderberg auf der Wiese wächst in Windeseile ein Festgelände mit allem Drum und Dran. Die Polizei bewacht Heidenau auch an diesem Tag, überall stehen Einsatzwagen, beim Willkommensfest halten sich die Beamten allerdings im Hintergrund. Einen halben Kilometer entfernt hat die Initiative Heimatschutz zu einer Kundgebung gegen die Asylbewerber aufgerufen. Schätzungsweise 200 Teilnehmer kommen, doch rund um die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Praktikermarkt lassen sie sich zunächst nicht blicken. Nur ein paar Dutzend Gaffer stehen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, man schaut missmutig zur Party hinüber.

Hüpfburg, Grill und Musikanlage

Dort wird eine Hüpfburg aufgepumpt, ein Grill angeschmissen, eine Musikanlage aufgedreht. Hunderte helfen mit. Heidenauer sieht man kaum, es sind vor allem Aktivisten aus der linken Szene, viele aus Dresden, Leipzig und Berlin. Sie machen Stimmung, für "Refugees" und gegen "Rassist*innen". Friedlich, fröhlich, und doch sind es bittersüße Bilder.

Kinder toben zum ersten Mal seit Langem auf diesem Fleckchen Grün neben der Bundesstraße, jagen Bällen und Seifenblasen hinterher. Männer liegen sich in den Armen und tanzen im Kreis zu orientalischer Musik, die jemand mitgebracht hat. Immer wieder halten Autos und liefern Essen ab, Grillfleisch, Salate, selbst gebackener Kuchen. Auf diesem Fest wird am Ende wirklich gefeiert.

Der Gast, mit dem keiner gerechnet hat

Und nebenbei Politik gemacht. Es sind viele Vertreter aus mehreren Parlamenten zu sehen, aus dem sächsischen Landtag und aus der Hauptstadt. Cem Özdemir ist mit der Bahn gekommen und hat Kuchen im Gepäck. Er wird von Kameras belagert. Die schwenken halb fünf plötzlich ab. Ein Gast ist angekommen, mit dem keiner gerechnet hat. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig, dessen Behörden kurz vorher noch gegen das Willkommensfest gestimmt hatten. Nicht wenige sehen ihn als die Personifikation des sächsischen Asyl-Schlamassels, als Verantwortlichen für viele Brennpunkte. 

Sein Auftritt dauert nicht einmal fünf Minuten, aber hinterlässt erbärmliche Bilder. Der Minister wird vom Platz gejagt. Ausgebuht, beschimpft, seine Security-Leute müssen Handgreiflichkeiten abwehren. Teilweise vermummte Linksaktivisten brüllen ihm "Verpiss dich!" hinterher. Nun ist Ulbig der Flüchtling, er geht sichtbar hilflos, in Opferhaltung. Nur einen Satz schafft er zu sagen, bevor er in seinem Wagen verschwindet: "Ich kann nur sagen, dass es gut ist, dass das Fest heute hier stattfindet." Sein Abgang wird von vielen hämisch kommentiert, auch das Bündnis Nazifrei, der Veranstalter des Willkommensfests, postet auf Facebook: "Auf Nimmerwiedersehen!"

Dann ist man wieder unter sich. Bis zum frühen Abend bleibt es eine friedliche Party. Eine Meldung macht noch die Runde: Das Oberverwaltungsgericht Bautzen hat das Demo-Verbot in Heidenau bis Montag 6 Uhr bestätigt – allerdings ist das Willkommensfest ausdrücklich von dem Verbot ausgenommen. Das ist zu dem Zeitpunkt sowieso schon beendet. Um 19 Uhr wird es spurenlos beseitigt. Die Aktivisten räumen Müllberge zusammen. Die Flüchtlinge schleppen Kleidersäcke in den ehemaligen Praktiker-Markt, ihre vorläufige Wohnstätte. Es wird hier und da gelacht und gealbert. Für viele war es das erste kleine Glück in Heidenau.