Die Frage, die Angela Merkel gestern gleich zu Beginn des Brüsseler Gipfeltreffens aufgeworfen hat, begleitet die Europäische Union nun schon seit einer Weile. Hat Europa die Kraft, um vernünftige und, nicht zuletzt, gemeinsame Lösungen zu finden? Die Frage stellte sich in der Eurokrise, sie stellt sich im Konflikt um die Ukraine, in der Auseinandersetzung mit Russland und nun im Umgang mit den Flüchtlingen. Und doch, etwas ist anders dieses Mal. Das konnte man auch gestern Abend spüren.

Der Ton zwischen den EU-Ländern war zuletzt noch rauer als in den vorangegangenen Krisen; die Bereitschaft, einander zuzuhören, noch geringer. Dafür kochten die Emotionen umso höher. Immerhin, gestern Abend haben sich die Staats- und Regierungschefs offensichtlich vernünftig unterhalten. Niemand habe dem anderen Vorwürfe gemacht, betonte Donald Tusk, der Präsident des Europäischen Rates. Die Entgiftung der Atmosphäre – das war das erste Ziel des gestrigen Treffens.

Denn die Flüchtlingskrise rührt an mehr als nur an einem zentralen Nerv der Europäischen Union. Es geht in dieser Debatte um Humanität und gemeinsame Werte, um Solidarität nach innen und nach außen, aber auch um die ganz praktische Frage, ob die Union und ihre Mitgliedsländer in der Lage sind, dieser Krise politisch-handwerklich mehr entgegenzusetzen als Händeringen und gegenseitige Schuldzuweisungen.

Die Krise verlangt Improvisation

Vor diesem aufgewühlten Hintergrund muss man das gestrige Treffen sehen. Und vor diesem Hintergrund lässt sich das, was die Regierungschefs und tags zuvor die Innenminister verabredet haben, durchaus als Fortschritt verstehen.

Die Verteilung von insgesamt 160.000 Flüchtlingen innerhalb der EU ist eine aus der Not geborene Maßnahme. Genauso wie die sogenannten Hotspots, die nun in Italien, Griechenland und auch in Bulgarien errichtet werden sollen. Wie sollte es auch anders sein? Das Krisenmanagement verlangt politische Improvisation. Learning by doing, so war das auch in der Finanzkrise. Viele praktische Fragen müssen bei der Verteilung noch beantwortet werden, etwa jene wie man die sogenannte Sekundärmigration verhindert, also dass am Ende doch alle Flüchtlinge wieder in Deutschland landen. Gelingt es aber, die Flüchtlinge wie vorgesehen zu verteilen, dann wäre dieses Instrument ein Schritt hin zu einer realistischeren und solidarischeren europäischen Asylpolitik.

Dass die Europäer die wachsende Not in den Flüchtlingslagern etwa in Jordanien oder dem Libanon lange übersehen oder sogar ignoriert haben, ist beschämend. Merkel hat deshalb gut daran getan, diesen Fehler offen einzugestehen. (Über andere Fehler hat sie nicht ganz so offen gesprochen.) Die Milliarden, die die Kommission und die Mitgliedsstaaten jetzt versprochen haben, gemeinsam für Syrien und seine Nachbarländer zu mobilisieren, sind eine wichtige Korrektur der bisherigen Politik. Nur wenn es gelingt, einen Großteil der Flüchtlinge in ihrer Herkunftsregion zu versorgen, kann Europa die, die sich dennoch auf den Weg machen, angemessen behandeln.

Jetzt kommt es auf Erdoğan an

Eine andere Korrektur wird möglicherweise noch teurer. Ein wichtiger Schlüssel für die Lösung der Flüchtlingskrise liege in der Türkei, hat Merkel gesagt. Ein EU-Diplomat aus Osteuropa formulierte es sogar noch drastischer: Der türkische Präsident Erdoğan entscheide nun über die Geschlossenheit der EU. Gemeint ist: Nur wenn Erdoğan bereit ist, die etwa zwei Millionen Syrien-Flüchtlinge in seinem Land zu halten, kann es gelingen, den Zustrom über Griechenland zu kontrollieren – eine wesentliche Voraussetzung für alle weiteren Schritte innerhalb der EU. Allerdings steht es um das Verhältnis der EU zu dem Immer-noch-Beitrittskandidaten Türkei, vorsichtig formuliert, nicht zum Besten. Die Union, unter maßgeblicher Beteiligung der Bundesregierung, hat die Türkei zuletzt immer mehr zappeln lassen, nicht nur in der umstrittenen Beitrittsfrage. Nun braucht sie Ankara, und Erdoğan wird einen politischen Preis für ein Entgegenkommen fordern. Tusk hat gestern angedeutet, worin dieser bestehen könnte: Die Türkei drängt auf die Einrichtung von Sicherheitszonen im Norden Syriens, die militärisch geschützt werden müssten.

Die Verteilung von Flüchtlingen, der Aufbau von Hotspots in Italien und Griechenland, die Hilfe für die syrischen Nachbarländer, der Dialog mit der Türkei – zum ersten Mal nach dem Chaos der vergangenen Wochen lässt die EU eine Art Plan erkennen oder wenigstens die Ansätze eines solchen. Dieser Plan beinhaltet unausgesprochen auch eine Korrektur der deutschen Politik. "Wir müssen die Politik der offenen Türen und Fenster korrigieren", formulierte Ratspräsident Tusk. Vor allem müsse die EU die Kontrolle über ihre Außengrenzen wiedergewinnen. Ähnlich hatte es Viktor Orbán seit Wochen gefordert. Merkel sagte, sie sei in dieser Frage "völlig einig" mit dem Ungarn.

Fürs erste haben sich die Regierungschefs zusammengerauft. Die Europäische Union bewegt sich, aber sie bewegt sich langsam. Sie lernt unter Schmerzen, aber sie lernt. Auch das erinnert sehr an die anderen, vorangegangenen Krisen.