Ein bisschen dicht – Seite 1

Ein Schlagbaum ist nicht gefallen – dafür stehen jetzt neongelbe Pylone auf der A8 Richtung München: Aus drei Spuren wird eine, kurz hinter der Grenze, vor der Ausfahrt Piding. Langsam schiebt sich der Verkehr, der aus Salzburg kommt, an einem Parkplatz vorbei, dem ersten auf der deutschen Seite, und einer improvisierten Kontrollstelle. Beamte gucken in jedes Fahrzeug, lassen sich Papiere zeigen. Ein weißer Kastenwagen mit braunen Rostflecken wird herausgewunken.

Kein Zweifel: Das ist eine echte Grenzkontrolle. Mit keinem anderen Staat teilt Deutschland eine längere Grenze als mit Österreich. Seit Deutschland am Sonntagabend wieder Kontrollen eingeführt hat, ist sie plötzlich wieder spürbar, nachdem sie jahrelang so gut wie aus dem Bewusstsein verschwunden war.

Über die Balkan-Route und Österreich waren in den vergangen acht Tagen mehr als 60.000 Menschen in München gelandet. Eine "Verschnaufpause" wolle man München und den anderen Aufnahmeorten geben und den Flüchtlingsansturm wieder in geordnete Bahnen lenken, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière zur Begründung.

Zehn Kilometer nördlich von Piding und der Autobahn zeigen die Grenzkontrollen Wirkung: Die wenigsten Flüchtlinge kommen mit dem Auto, es sei denn sie sind in einem Schlepperfahrzeug versteckt – fast alle nehmen den Zug. Freilassing ist der erste deutsche Bahnhof hinter Salzburg, der Railjet 262 aus Wien Westbahnhof ist pünktlich. Die Bundespolizei wartet schon.

Polizisten blockieren die beiden Enden des Bahnsteigs und stellen sich vor jeden Ausgang, dann durchkämmen Teams von fünf Beamten Waggon für Waggon, Abteil für Abteil. Die ersten großen Gruppen von Flüchtlingen steigen freiwillig aus dem Zug. Hinter flatterndem Absperrband kauern sie auf dem Bahnsteig. Helfer bringen Wasser, Brot und Obst. Keiner von den über hundert Flüchtlingen scheint besonders enttäuscht, dass ihre Reise hier endet. "Ist das Deutschland hier?", fragt ein Mann einen Polizisten. Zufriedene Blicke, als der Polizist nickt.

Nur Ahmed wollte hier noch nicht raus. Als einen der letzten führen ihn die Polizisten aus dem Zug auf den Bahnsteig. Er hatte sich in der Zugtoilette eingeschlossen. "Eigentlich wollte ich ja nach Schweden weiterfahren", sagt er.

Schnell hatte sich in Wien und Salzburg, wo die Flüchtlinge aufgebrochen waren, herumgesprochen, dass Deutschland seine Grenzen schließe. "Ist die Grenze schon zu?", fragt ein Mann ungläubig. "Ungarn hat einen Zaun gebaut. Aber nach Deutschland konnten wir einfach reinfahren." Ob er jetzt in München aus dem Zug steige oder schon in Freilassing und dort registriert werde, sei ihm egal. "Hauptsache Deutschland", sagt er.

Bis zum Mittag hat die Bundespolizei hier rund 500 Flüchtlinge aus Zügen gefischt, sagt ein Sprecher. In Bussen werden sie in die nächsten Erstaufnahmelager gebracht. Die Grenzkontrollen bedeuten für die Flüchtlinge eigentlich nur, dass sie nicht bis München fahren müssen, sondern 150 Kilometer vorher registriert werden. Abgewiesen werden darf keiner von ihnen, wenn er Asyl begehrt.

Polizisten gucken in jedes Fahrzeug

Für die Bewohner von Freilassing hingegen machen sich die Kontrollen deutlich bemerkbar. Viele fahren zum Tanken, für Zigaretten oder zum Ausgehen über die Grenze. Salzburg ist für viele in Südbayern die nächstgelegene Großstadt. Kilometerlang bis nach Österreich hinein staut sich jetzt der Verkehr am Übergang nach Freilassing. Auch hier dasselbe Bild wie auf der Autobahn: Polizisten schauen in jedes Fahrzeug.

Aus den großen Schaufenstern von Ricks Bistro blicken die Gäste auf den Bahnhofsplatz von Freilassing und auf das dortige Gedränge aus Polizisten und Flüchtlingen. "Die Ausländer sind schuld, dass wir uns jetzt nicht mehr frei bewegen dürfen", knurrt der Wirt, der hinter der Theke Kartoffeln schält. "Jawohl", pflichtet ein Gast bei und nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche.

Christiane Weber steht auf dem Bahnsteig und wartet auf ihren Zug, der wegen der Kontrollen Verspätung hat. Sie wohnt in Freilassing und pendelt wie so viele hier nach Salzburg. Sie hat Verständnis für die Flüchtlinge – und die Politik. "Die Verfolgten haben ein Recht, hierher zu kommen. Aber ich verstehe auch, dass sich Deutschland gerade nicht anders zu helfen weiß."

1,5 Meter nach Österreich

Die kleine Kreisstraße 4 schlängelt sich zwischen den Bergen des Berchtesgadener Lands hindurch, direkt parallel verläuft die Grenze. Zäune gibt es keine, ein Bach trennt Bayern vom Bundesland Salzburg. Die Straße führt durch das Örtchen Gmain, das es gleich zweimal gibt: Bayerisch Gmain am Westufer des Bächleins, Großgmain auf der Ostseit in Österreich, 2.900 Einwohner im deutschen Teil, 2.500 im österreichischen.

Zwei Kirchen, zwei Rathäuser, aber eine Brücke verbindet die beiden Ortsteile. Davor stehen in einem Grünstreifen drei schräg abgesägte Pfähle, bunt bemalt mit Gesichtern wie Gartenzwerge. "Das war der alte Schlagbaum", sagt eine Passantin. "Sieht doch freundlicher aus so, dachte man sich damals."

Als das Ehepaar Gruber vor sieben Jahren in Rente ging und von Bad Reichenhall hier raus zog, auf die deutsche Seite, hätten sie sich nicht vorstellen können, dass es je wieder zu Grenzkontrollen kommt. "Wenn man nicht wüsste, dass dort Österreich ist, würde man das nicht merken", sagt sie. "Man darf sowas nicht leichtfertig einführen", sagt er.

Mehrere Wochen lang könnten die Grenzkontrollen dauern, kündigte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Vormittag ein einem Interview an. Von Groß- nach Bayerisch Gmain sind es 1,5 Meter, vom Salzburger Hauptbahnhof bis an die deutsche Grenze sechs Kilometer Fußmarsch. "Wie wollen die das kontrollieren?", sagt Herr Gruber.