Ist es eine Kapitulation oder eine Drohung, dass die Bundesregierung die Grenze zu Österreich wieder kontrollieren lässt?

Zwei Wochen lang hatte Deutschland erlebt, was in Italien oder Griechenland seit langem Alltag ist: Täglich kommen Tausende Flüchtlinge an. Doch Deutschland hat die Menschen als Gäste empfangen, ihnen Wasser, Essen und Kleidung gereicht und ihnen eine ordentliche Bettstatt bereitet.

Nun muss man eingestehen: Wir sind noch nicht so gut organisiert, wie wir sein müssten. Es braucht Zeit, die nötigen Strukturen aufzubauen, um so viele Hilfesuchende anständig aufzunehmen.

Gleichzeitig aber hat Deutschland Standards gesetzt, wie man in Europa mit Flüchtlingen umgeht. Selbst wer eine Nacht im Münchener Hauptbahnhof schlafen musste, wurde von den Bürgern nicht mit einer elenden Pappe allein gelassen wie in Budapest. Die Vorstellung, Regierung und Bürger könnten die Flüchtlinge jenseits der Grenzen nun einfach sich selbst überlassen, ist abenteuerlich.

Die Worte, mit denen Innenminister Thomas de Maizière die Kontrollen begründete, sind vielmehr eine scharfe Drohung gegen jene europäischen Länder, die der Flüchtlingskrise mit Dumpfheit begegnen. Seine Worte erinnern daran: Es gibt Regeln in der EU. Wo Flüchtlinge ankommen, müssen sie registriert und ihre Asylverfahren geprüft werden. Das heißt implizit auch: Das aufnehmende Land muss die Flüchtlinge anständig versorgen. Niemand darf sich da einfach wegducken, indem er die Menschen bloß weiterschickt.

Thomas de Mazière im Wortlaut:

Eine ähnliche Situation hat Europa schon einmal erlebt. Da sandte Italien seine Schiffe aufs Mittelmeer, um in Seenot geratene Menschen zu retten. Die Welt applaudierte, doch Resteuropa hielt sich vornehm zurück, auch Deutschland. Schließlich beendete die Regierung in Rom die Mission. Hunderte ertranken. Schlagartig wurde Europas Regierungen klar, dass sie Verantwortung für diese Menschen tragen. Nun wird wieder gerettet. Viele Flüchtlinge aber haben diesen verzögerten Erkenntnisprozess mit dem Leben bezahlt.

Wird es wieder soweit kommen? Was, wenn sich die EU-Innenminister nicht einigen werden, wie mit den vielen Flüchtlingen umzugehen ist? Dann werden die sich todesmutig ihre eigenen Wege suchen, wie sie es ja schon immer tun. Denn auch wenn sie Tausende zählen, sind sie doch keine blinde Masse, die man einfach nach Gutdünken hierher oder dorthin lenken oder anhalten kann. Jeder einzelne von ihnen hat einen eigenen Plan oder Wunsch, wie er sein Leben führen möchte.

Gut, dass Deutschland gelernt hat, wie man solche Menschen empfängt.

Welche Auswirkungen die zeitweise wieder eingesetzten Grenzkontrollen gehabt haben, zeigt das Video.