Ein später Sommerabend in der Altstadt Meißen, zu Füßen der prächtig angestrahlten Albrechtsburg. Auf der Terrasse des griechischen Restaurants sitzt Jörg Schlechte, CDU-Stadtrat. Schlechte ist eigentlich ständig sauer auf die Landes- und Bundes- und Europapolitik, die Meißen, so sieht er das, als letztes Glied in der Kette ziemlich allein lassen mit den Flüchtlingen. Er regt sich auf, wenn es zu Prügeleien kommt in einer der Unterkünfte. Schlechte hilft aber auch, indem er zum Beispiel Klamotten für die männlichen Flüchtlinge organisiert hat. Nicht direkt von den Meißenern, denn "für Kinder geben wir Sachsen alles, aber nicht für alleinreisende Herren", so Schlechte. Er hat die Kleiderkammer des Roten Kreuzes zugänglich gemacht, und schwupps, freut sich Schlechte, war das Problem in einer Stunde gelöst. "Das ist was viele hier in Meißen wollen: keine sinnlosen Probleme." Dinge geregelt kriegen, nicht ewig rummachen.

Ein Problem aber hat Schlechte mit vermeintlichen Wirtschaftsflüchtlingen. "Ich will nicht, dass hier pakistanische Ärzte herkommen und auf einmal stellen wir fest: Ups, in Pakistan gibt’s Ärztemangel, und dann muss da Ärzte ohne Grenzen helfen." Erwidert man, dass der pakistanische Arzt doch vielleicht auch die Chance haben sollte, sein Glück da zu suchen, wo er will, schaut Schlechte einen durchdringend an. Es wird jetzt persönlich. "Wissen Sie, ich habe drei Kinder, und alle drei sind im Westen. Der Sohn ist in Liechtenstein, meine zwei Mädels, eine ist am Tegernsee und die andere in Bayerischzell. Und das kotzt mich schon echt an, muss ich mal sagen."

So hängt das zusammen hier. Der Tegernsee verhält sich zu Meißen wie Meißen zu Pakistan. Die eigenen Kinder gehen fort, dorthin, wo es ihnen besser geht. Dafür kommen neue Menschen von dort, wo es schlechter ist. Für Schlechte, den Vater und CDU-Stadtrat, ist das kein guter Tausch.

Bei den Gräbern der Eltern

Je länger der Abend dauert, desto sorgenvoller redet Schlechte. Über die große Welt und die kleine Heimat. Er sagt: "Die Welt muss eine Vielfalt haben. Jeder Mensch will eigentlich, bis auf wenige Ausnahmen, in seiner Heimat bleiben. Dann muss man das so passend machen, dass die Heimat in Ordnung ist. Und die Menschen die Möglichkeit haben, in ihrer Heimat zu bleiben. bei den Gräbern ihrer Eltern und Großeltern." Es ärgert ihn, dass die Heimat der Syrer und der Pakistaner und der Kosovaren anscheinend zum Davonlaufen ist, und dass es offenbar immer schwerer wird. Nun auch in Meißen.

Man kann solche Frustausbrüche als Reaktion auf enttäuschte Hoffnungen deuten. 25 Jahre haben sie den Westen nachgebaut, jetzt haben sie den Eindruck, dass auch dieses System nicht hält, was ihnen versprochen wurde. Der Musterschüler des Ostens ist ratlos. Die CDU auch. Und in ihrem Innern wächst der Frust.

Im Vorstand der CDU Meißen sitzt zusammen mit dem Landtagsabgeordneten Fischer der Schatzmeister Sven Eppinger. Der steht auch im Impressum der "Konservativen CDU Sachsen". Eine kleine Plattform, die sich mit Heine "um den Schlaf gebracht" wähnt, wenn sie an Deutschland denkt.

Der Freund hat Pegida organisiert

Im Stadtrat hatte Jörg Schlechte bis Ende 2013 einen Fraktionskollegen in Meißen, der später nicht nur mit Pegida geredet, sondern es mit gegründet hat. Thomas Tallacker gehört zum Orga-Team um Lutz Bachmann und war bei der CDU erst rausgeflogen, als die rassistischen Beiträge bei Facebook einfach nicht mehr aufhörten. Über eine Messerstecherei schrieb er: "Bestimmt wieder ein in seiner Entwicklung gestörter oder halbverhungerter Ramadan Türke." Über Asylbewerber: "Was wollen wir mit dem zu 90 % ungebildeten Pack was hier nur Hartz 4 kassiert und unseren Sozialstaat ausblutet." Über politische Gegner: "Die grünen Schlampen sind doch nicht ganz dicht." Tallacker war aber lange auch selbst Mitglied des Bündnisses "buntes Meißen", berichtete der Spiegel, entwarf Flyer und half beim Bühnenaufbau. Schlechte nennt Tallacker einen "Freund". Er sagt: "Der hat auch seine Macke, der ist zu radikal." Er sagt aber auch: "Ich habe grundsätzlich immer zu ihm gehalten."

Auch das lässt die Abgrenzung der CDU zum Rassismus hier so butterweich erscheinen: Einige der Rassisten kommen aus ihrer Mitte. Man kennt sich aus der Partei. 

Oder vom Stammtisch. Stammtische, sagt Schlechte, seien sein Hobby. "Das Angebot muss man den Leuten machen, damit sie sich auskotzen können." Ganz ähnlich, nur eleganter, formuliert Sebastian Fischer das: "Es ist unser Aufgabe als Politik, den Schirm aufzuspannen, unter dem die sachliche Debatte wachsen kann."

Parteipolitisch hat dieses weite Aufspannen den Vorteil für Fischer, bis weit nach rechts wählbar zu sein. Man könnte die 41,4 Prozent Erststimmen, die er bei der Landtagswahl 2014 erhalten hat, deshalb als Erfolg werten. Als Integrationsleistung einer demokratischen Partei in einer Region, in der viele am System zweifeln.

Andererseits: Der AfD-Kandidat kam auf 12,1 Prozent und der der NPD auf 6,6. Hinzu kann man noch jene unter den 46,9 Prozent Nichtwählern zählen, die aus Protest zu Hause geblieben sind. Dann sind es doch schon sehr viele Sachsen, die selbst der Volkspolitiker und CDU-Abgeordnete Sebastian Fischer nicht mehr erreicht.