In den Bundesländern wächst die Kritik an der bereitwilligen Aufnahme von Flüchtlingen. Die Länder seien von der Entscheidung der Kanzlerin völlig überrascht worden und seien nun in großer Not bei der Unterbringung, sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Roger Lewentz (SPD), der Welt am Sonntag. Der Bund müsse mit mehr Gebäuden und Personal diesem Ausnahmezustand entgegenwirken. Bei der EU-Innenministerkonferenz wolle Deutschland, dass andere Länder sehr kurzfristig Flüchtlingskontingente übernehmen, sagte Lewentz. Außerdem müsse Geld für Flüchtlingscamps in der Region um Syrien zur Verfügung gestellt werden.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) stellte das Schengen-Abkommen zur freien Bewegung zwischen den Mitgliedstaaten infrage: "Ich habe den Eindruck, dass Schengen nicht mehr funktioniert und dass das natürlich dazu führt, dass dann darüber hinaus unregistrierte Bürger dann zu uns kommen", sagte der CDU-Politiker im Deutschlandfunk. Er vermied ein Bekenntnis zur Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, 20.000 Flüchtlinge einreisen zu lassen: Er würde nicht sagen, "es war ein Fehler oder es war kein Fehler", sagte Tillich.

Weitere 750 Flüchtlinge erreichten am Sonntagmorgen den Hauptbahnhof München. In der bayerischen Landeshauptstadt sind die Aufnahmeplätze weitgehend erschöpft. Bis Mitternacht waren allein am Samstag 12.200 Flüchtlinge angekommen. Vereinzelt mussten sie bereits auf Matten übernachten, da die Plätze in Nachtunterkünften nicht ausreichten. Einige Dutzend Menschen verbrachten die Nacht in Schlafsäcken am Bahnhof. Im Laufe des Tages gehe es vor allem darum, die Menschen in den Notunterkünften in der Stadt in andere Bundesländer zu verteilen, sagte ein Polizeisprecher. Ein Sonderzug mit 500 Flüchtlingen verließ um 11 Uhr den Hauptbahnhof in Richtung Dortmund.

In München reichen die Plätze in den Notunterkünften nicht mehr aus.

Ein rückläufiger Trend bei der Zahl neu ankommender Menschen sei nicht zu erwarten, teilte die Bundespolizei mit. Es sei "ganz klar, dass wir an die äußerste Grenze unserer Kapazitäten gelangt sind", sagte ein Sprecher. Am Sonntag soll der Weitertransport zahlreicher Flüchtlinge organisiert werden, "um wieder Platz zu schaffen". Die Behörden suchen für München nach neuen Lösungen: Zeltstädte und die Olympiahalle sollen als Notunterkünfte bereitgestellt werden. Die bayerische Landesregierung will bei einer Sondersitzung des Kabinetts weitere Sofortmaßnahmen beschließen.

Verschärft wird die räumliche Enge durch den Beginn des Oktoberfests am kommenden Samstag. Der Andrang von sechs Millionen Besuchern an 16 Festtagen ist ohnehin für München alljährlich eine große Herausforderung. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verlangte eine deutliche Verstärkung der Bundespolizei in Bayern: "Wenn vor allem abends und am Wochenende dann stark alkoholisierte Wiesnbesucher auf so viele Flüchtlinge treffen wie in den letzten Tagen, könnte es eng werden." Züge mit Asylsuchenden sollen möglichst an München vorbeifahren: "Wir haben das Ziel, die unterschiedlichen Personengruppen weitgehend zu trennen, um Konfliktsituationen erst gar nicht entstehen zu lassen", sagte Herrmann.

Großer Andrang vor Grenzschließung in Ungarn

In Ungarn warten Tausende Menschen, die nach Deutschland wollen. Vor der angekündigten Grenzschließung ist dort am Samstag die Rekordzahl von 4.330 Flüchtlingen registriert worden. Das waren knapp 600 mehr als beim bisherigen Tageshöchststand. Im Laufe des Sonntags werde stetig mit neuen Ankömmlingen aus Serbien gerechnet. Die Behörden ließen Flüchtlinge in Zügen und Bussen Richtung Österreich weiterfahren.

Am Samstag hatten 6.700 Einwanderer den Grenzübergang bei Nickelsdorf passiert. Eine ähnliche Zahl werde für Sonntag erwartet. Die meisten Einwanderer wollten direkt nach Deutschland weiterfahren. Am Dienstag will Ungarn seine Grenze zu Serbien für Flüchtlinge dichtmachen. Dazu war in den vergangenen Wochen ein Stacheldrahtzaun hochgezogen worden, der allerdings noch freie Passagen ließ. Ab dem 15. September sollen illegale Grenzübertritte mit Gefängnis bestraft werden. Auch ein Einsatz von Soldaten an der Grenze wird dann möglich sein.

Pro Asyl warnt vor "Internierungslagern"

Vor dem Sondertreffen der EU-Innenminister am Montag hat die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl davor gewarnt, "riesige Internierungslager" an den Außengrenzen der EU einzurichten. Das Konzept der EU-Kommission zu sogenannten Brennpunkt-Zentren in stark belasteten Ankunftsländern werde dazu führen, "dass Zehntausende eingesperrt werden", sagte Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt der AFP. Ein solches Vorgehen sei eine grobe Verletzung der Menschenrechte und werde nur dazu führen, dass weiter Tausende versuchen würden, über illegale Wege nach Europa zu kommen. Die EU baut derzeit Zentren in Italien und Griechenland auf. Dort sollen Flüchtlinge mithilfe von EU-Beamten identifiziert und registriert werden und Asylanträge stellen können.

Beim Untergang eines Flüchtlingsbootes vor der griechischen Küste sind drei Flüchtlinge ums Leben gekommen, darunter ein Kind. Das mit rund 100 Menschen besetzte Boot sank am Sonntagmorgen vor der nahe der türkischen Küste gelegenen Insel Farmakonisi. Die Küstenwache konnte 68 Passagiere retten, 29 weitere schwammen an Land. Am Vortag waren nahe der Insel Samos vermutlich fünf Flüchtlinge ertrunken, nachdem ihr Boot gekentert war. Die Wasserschutzpolizei konnte 24 Flüchtlinge bergen, die Suche nach fünf Vermissten blieb ohne Ergebnis.