CSU-Chef Horst Seehofer geht inmitten der Flüchtlingskrise zu Kanzlerin Angela Merkel auf Distanz. Am vergangenen Wochenende Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland fahren zu lassen, "war ein Fehler, der uns noch lange beschäftigen wird", sagte er dem Spiegel. "Ich sehe keine Möglichkeit, den Stöpsel wieder auf die Flasche zu kriegen. Deutschland gerate "bald in eine nicht mehr zu beherrschende Notlage." 

Zudem lud Seehofer den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zur nächsten Klausurtagung seiner Landtagsfraktion ein. Er wolle zusammen mit Orbán "eine Lösung suchen", kündigte Seehofer an. 

Orbán wird in der EU vielfach kritisiert, weil Ungarn die aus dem Süden ankommenden Flüchtlinge nur mangelhaft versorgt. Die Verhältnisse in den Flüchtlingslagern und Aufnahmestellen beschreiben Reporter als teils verheerend. Versuche, die in Ungarn ankommenden Flüchtlinge gemäß EU-Vorschriften zu registrieren, scheiterten aber auch deshalb, weil die meisten von ihnen Richtung Österreich und Deutschland weiter wollen. Als sich am vergangenen Wochenende Hunderte in mehreren Trecks zu Fuß Richtung Österreich aufmachten, schickte Österreich ihnen Busse entgegen. Deutschland erklärte, man nehme die Flüchtlinge auf. Die Kanzlerin sprach aber von einer einmaligen Hilfsmaßnahme.     

Seitdem kamen täglich Tausende Flüchtlinge in Bayern mit Zügen und Bussen an. Nach Angaben der Bahn waren es annähernd 50.000 seit Freitag vergangener Woche in mehr als 500 Zügen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) rechnet für dieses Wochenende mit 40.000 einreisenden Flüchtlingen in Deutschland. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) versetzte 4.000 Soldaten als potenzielle Helfer in Rufbereitschaft.

"Deutschland braucht dringend eine Atempause", warnte der Präsident des Deutschen Landkreistages, Reinhard Sager. Vielerorts müssten Landkreise bereits den Katastrophenschutz einschalten, um die Lage bewältigen zu können. "Wir brauchen dringend ein Signal, dass nicht jeder, der sich auf den Weg nach Europa macht, zu uns kommen kann", forderte er. Eine Sprecherin der Bezirksregierung Oberbayern sagte, die Balkanroute sei durch Flüchtlinge "frequentierter denn je".

Bahnhöfe als Flüchtlingsunterkünfte

Die Bahn machte eine Reihe ihrer Liegenschaften für Flüchtlinge mit einer Gesamtfläche von 10.000 Quadratmetern frei. Flüchtlinge sollen in ungenutzten Bahnhöfen und Betriebsgebäuden sowie Freiflächen zum Bau von Unterkünften unterkommen.

Flüchtlinge und Helfer dürfen bis auf Weiteres zudem gratis Bahn fahren, wie ein Unternehmenssprecher Spiegel Online sagte. Sie müssten als solche erkennbar sein. Die Entscheidung treffe der Kontrolleur. Nur wenn Zweifel angebracht seien, werde von Helfern ein Ausweis verlangt. Flüchtlinge erhalten üblicherweise erst nach der Registrierung Fahrgutscheine. 

Zwischen Jahresanfang und Ende August haben in Deutschland 256.938 Menschen Asyl beantragt. Laut Innenministerium sind das 122 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Allein im August kamen 36.442 Asylanträge hinzu. Das waren etwa 1.100 weniger als im Juli. Die Zahl der tatsächlichen Einreisen nach Deutschland lag im August nach Angaben des Innenministeriums aber deutlich höher. Das Bundesamt für Migration kommt immer weniger mit der Registrierung hinterher. Die Behörde hatte Mühe, Personal zu finden, Zoll und Polizei mussten Amtshilfe leisten. Derzeit sind 600 der etwa 1.000 neu zugesagten Personalstellen besetzt.