Angela Merkel hat ihren berühmten Satz wieder gesagt. Allerdings diesmal nur als Nebensatz: "Gemeinsames Handeln aller Ebenen ist der Weg, mit dem wir es schaffen werden", sagte die Kanzlerin in einer Regierungserklärung zur Flüchtlingspolitik am Donnerstagmorgen im Bundestag.

Viele in der CDU könnten ihr "Wir schaffen das" nicht mehr hören, hatte ein Parteimitglied Merkel am Abend zuvor bei einer Regionalkonferenz im sächsischen Schkeuditz entgegengeschleudert. Es war nur eine von vielen kritischen Bemerkungen, die sich die Kanzlerin an diesem Abend anhören musste, und nur eine von mehreren Gelegenheiten für die Parteichefin, sich davon zu überzeugen, dass der Widerstand gegen ihre Flüchtlingspolitik nicht nur in der CSU, sondern auch in den eigenen Reihen erheblich ist.

Erst in der vergangenen Woche hatten Kommunal- und Landespolitiker einen Brandbrief aufgesetzt, in dem sie ihrer Chefin nicht weniger als einen Verrat an der CDU-Programmatik vorwarfen. Bis Mitte dieser Woche hatten schon 126 Politiker das Schreiben unterzeichnet. Am Dienstag folgte dann eine Fraktionssitzung, die von Teilnehmern als denkwürdig bezeichnet wurde. Im Streit um die Frage, ob man Flüchtlinge an der deutschen Grenze zurückweisen könne oder nicht, wurde Merkel von ihren Innenpolitikern offen widersprochen. 

In diesem Video hören Sie die Kanzlerin im Wortlaut.

Etwa ein Fünftel der Fraktion teile die Kritik an der Kanzlerin, hieß es anschließend aus der Fraktionsführung. Diejenigen, die selbst Probleme mit Merkels Politik haben, sprechen dagegen von 50 Prozent. "Auch an der Basis wächst die Kritik an der Person Merkel", berichten prominente CDU-Mitglieder von ihren Wahlkreisbesuchen. Dass die CDU in den Umfragen erstmals seit Langem unter die 40-Prozent-Marke gerutscht ist, macht die Parteimitglieder zusätzlich nervös, selbst wenn der Einbruch mit zwei- bis dreieinhalb Prozentpunkten bisher eher moderat ausfällt.

Wo sie hinkommt, stehen alle auf und klatschen

Wächst sich all dieses Murren schon zu einer echten Gefahr für Merkel aus? So schnell geht das natürlich nicht. In den vergangenen Jahren hat sie die Partei fast völlig unangefochten geführt und ist in der Welt zu einer der einflussreichsten und angesehensten Politikerinnen aufgestiegen. Dieser Bonus verbraucht sich nicht innerhalb weniger Wochen.

In den vergangenen Tagen haben sich zudem gewichtige Mitglieder der Parteiführung vor Merkel gestellt – Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, Bundestagspräsident Norbert Lammert und andere. Auch ein Unterstützerbrief kursiert mittlerweile, unterzeichnet von mehreren Vorstandsmitgliedern, nicht nur von weitgehend unbekannten Landespolitikern. Und auf den Regionalkonferenzen der CDU schlägt Merkel keineswegs nur Ablehnung entgegen, im Gegenteil. Wo sie hinkommt, stehen alle auf und klatschen; auch im Bundestag applaudiert die Fraktion, noch bevor die Kanzlerin überhaupt mit ihrer Rede begonnen hat. Im Westen der Republik ist die Unterstützung für Merkel allerdings deutlicher zu spüren als im Osten.