Asylverfahren dauern in Deutschland oft deutlich länger als offiziell angegeben. Als Grund für die verzerrte Statistik führt Der Spiegel an, dass nur der Zeitraum erfasst werde, ab dem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) den Asylantrag entgegennehme. Bis zu dieser "Aktenanlage" könnten jedoch Monate vergehen, in denen der Flüchtling sich bereits in Deutschland aufhalte. Das Bamf nennt derzeit eine durchschnittliche Bearbeitungsdauer von rund fünf Monaten.

Der Spiegel berichtet von Unterlagen mehrerer Asylbewerber aus Afghanistan, die im September nach Deutschland kamen und denen ein Termin zur "Aktenanlage" im Mai und im Juni 2016 genannt wurde. Sie müssten demnach ein Dreivierteljahr warten, bis ihr Verfahren überhaupt beginne.

Nach Angaben des Frankfurter Asylrechtsanwalts Reinhard Marx sind dies keine Einzelfälle. Marx vertritt laut Spiegel eine afghanische Familie, die seit 14 Monaten darauf wartet, beim Bamf ihren Antrag stellen zu dürfen. Er wolle die Behörde nun mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht zwingen, schneller zu arbeiten.

Das Bamf räumte ein, dass es mancherorts zu mehrmonatigen Wartezeiten gekommen sei, besonders bei afghanischen Asylbewerbern. Als Gründe nannte es die hohen Zugangszahlen und Engpässe bei einigen Dolmetschern. Man arbeite aber "mit Hochdruck daran, diesen Zustand zu beheben".

Beim Bamf liegen laut dem Bundesinnenministerium 300.000 unbearbeitete Asylanträge. Im September wurde demnach fast die Hälfte der gut 40.000 eingereichten Anträge nicht bearbeitet. Die Verzögerungen sind nicht nur auf Unterbesetzung zurückzuführen. Es gibt einen weiteren, ganz banalen Grund: Die IT-Systeme beteiligter Behörden sind Medienberichten zufolge nicht miteinander kompatibel.

Es gibt beispielsweise keine Schnittstelle zwischen den Programmen der Bundespolizei und des Bamf. Wie die Welt am Sonntag unter Berufung auf einen hochrangigen Bundespolizisten berichtete, kann die Polizeibehörde Daten aufgegriffener Flüchtlinge bislang nur per E-Mail an das Bamf schicken. Erneutes, umständliches Eintippen per Hand ist die Folge.

Pro Asyl kritisiert Verfahrensfehler

"Da ist doch irgendwas nicht kurzfristig schiefgelaufen, sondern ist schon länger schräg", kritisierte der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt. Er sprach von "strukturellen Verfahrensfehlern". Mehraufwand könne von vornherein durch ein stringenteres Verfahren vermieden werden: "Was uns ärgert und umtreibt, ist, dass diese Asylverfahren in die Länge gezogen werden."

Er kritisierte auch das neue Asylgesetz, das vorsieht, dass Flüchtlinge nach ihrer Registrierung zunächst eine sogenannte Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder erhalten. Mit dieser "Büma" liefen "die Asylsuchenden monatelang rum", bevor sie beim Bamf wiederum einen Termin zur Asylantragstellung erhielten. "Man schafft sich hier ein Instrument zur Verlängerung von Asylverfahren", sagte Burkhardt.