Erstaunlich finde ich die reflexartigen Reaktionen auf die neueste Veröffentlichung der Internationalen Krebsforschungsagentur schon. Die IARC hat Wurst, Schinken, Burgern und Braten doch nicht die Existenzberechtigung abgesprochen. Sie ist einfach ihrer Aufgabe nachgegangen, auf Empfehlung von 22 internationalen Experten epidemiologische Studien zu rotem und verarbeitetem Fleisch auszuwerten. 700 Studien zu rotem Fleisch und 400 zu verarbeitetem Fleisch. Dabei wird nicht mal verschwiegen, dass Fleischkonsum auch gesundheitliche Vorteile hat. Aber das Ergebnis heißt: Rotes Fleisch verursacht wahrscheinlich Krebs, ohne dass jedoch andere Faktoren ausgeschlossen werden können. Für verarbeitetes Fleisch gibt es ausreichende und überzeugende Beweise, dass es Krebs verursacht. Mit dem Anstieg der täglichen Verzehrmenge soll auch das Risiko steigen.

Ist das eine Überraschung? Nicht wirklich. Denn von der WHO, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, vielen Stimmen aus der Wissenschaft oder Krankenkassen wie der AOK kennen wir das doch längst: Es wird empfohlen, mehr Gemüse und weniger Fleisch zu verzehren. Oft wird Fleisch nicht als Grundnahrungsmittel eingestuft. Sicherlich bisher oft aus anderen Gründen, nämlich der Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht. Ich glaube, jede und jeder von uns kennt deshalb die sogenannte Mittelmeerdiät, die als Ernährungsweise positiv bewertet wird.

Warum jetzt die Aufregung? Man wolle nicht Würste kennzeichnen, bekenne sich zum Schwarzwälder Schinken – ich benutze ihn für ein wunderbares Rezept für Rinderrouladen! – und überhaupt wäre man gegen Vorschriften. Nun denn, Ministerinnen und Minister, die für Ernährung zuständig sind, sollten ihr Amt schon ein wenig ernster nehmen. Das heißt: weniger Ritual und mehr Aufklärung. Mit der Entwicklung immer neuer hoch verarbeiteter Lebensmittel wächst auch die Verantwortung von Politik.

Notwendig wäre jetzt, nach der Analyse der IARC zu Schlussfolgerungen zu kommen. Zum Beispiel die DGE zur Überprüfung ihrer Ernährungsempfehlungen aufzufordern. Schlussfolgerungen daraus für die Bildung und für Gemeinschaftsverpflegung zu ziehen. Damit das Wissen über eine ausgewogene Ernährung größer wird. Und das Angebot auch: Von Bahnhöfen bis zum Kindermenü in Restaurants, es ist oftmals noch zum Haare raufen.

Michael Pollan hat es in seinem Buch Food Rules mal auf den Punkt gebracht. Die Frage, was man essen solle, beantwortete er mit food, um es abzugrenzen von den extrem lange haltbaren hoch verarbeiteten Produkten, deren Inhaltsstoffe wir meistens nicht mal richtig schreiben können. Geschweige denn würden wir zu Hause mit solchen Zutaten kochen. Wir wissen über all diese Stoffe und ihre Wirkungen auf unsere Gesundheit noch viel zu wenig. Zeit für Forschung also. Die Frage, wie man essen solle, beantwortet Pollan mit mostly plants und entspricht damit allen unabhängigen Ernährungsempfehlungen.

Mehr Forschung, mehr Ideen, mehr Lebensqualität

Der Versuchung, jetzt ideologisch und reflexhaft zu reagieren, sollten wir widerstehen. Es kam ja schließlich auch nicht von ungefähr, dass wir schon lange über gesundheitliche Prävention beraten und dabei unsere Ernährungsweise einbezogen haben. Wie wir uns ernähren – zu Hause, unterwegs, in Kantinen, Mensen und Restaurants – hat einen beachtlichen Einfluss auf unsere Gesundheit und die unserer Kinder. Es beeinflusst unsere Chancen im Leben.

Also los, wir sind ja sonst auch nicht beratungsresistent. Die Zahl der wunderbaren vegetarischen Kochbücher nimmt rasant zu, neue kulinarische Erlebnisse winken also. Kantinen und Restaurants bieten ganz freiwillig mehr gute vegetarische Gerichte an. Sogar die Bahn. Und die Kindergärten sowieso, weil die Eltern danach fragen.

Wir brauchen jetzt keine trotzigen Mitteilungen, dass es keine Warnhinweise auf Würstchen geben wird. Sondern Ideen für eine systematische Erweiterung des Wissens und der Angebote. Mehr Forschung und einen Auftrag an die DGE, ihre Ernährungsempfehlungen zu aktualisieren.

Ja, es geht um die Wurst. Aber auch um unsere Lebensqualität, um unsere Gesundheit und die der Kinder. Wenn auch vielleicht mal ein abgepacktes Discounterwürstchen dabei auf der Strecke bleibt. Genuss und Verantwortung unter einen Hut zu bringen – das sollte zu schaffen sein.

Krebsrisiko - Wir und das Fleisch Fleisch ist in Deutschland ein wichtiges Lebensmittel, die deutsche Wurst ein global bekanntes Kulturgut. Doch wie viel Fleisch essen wir eigentlich und welches schmeckt uns am besten? Und ginge es denn wirklich auch ohne?