Die Absperrgitter an der Essensausgabe sind neu, sie sollen das Gedrängel regeln und Reibereien vermindern. Zehn statt sonst vier Sicherheitsbeamte sind jetzt im Einsatz. Sie tragen Schutzwesten. "Sie möchten das so", sagt Heinrich Hörnschemeyer, Leiter des Landeserstaufnahmelagers für Flüchtlinge im niedersächsischen Friedland. 

Hörnschemeyer wirkt, obwohl sein Lager nur für 750 Flüchtlinge ausgelegt ist, derzeit aber bis zu 3.500 Menschen dort leben, recht entspannt. Er macht den Eindruck, dass er von einem Merkelschen Grundoptimismus getragen ist. Wenn er klagt, dann freundlich: "Früher brauchten wir diese Sicherheitsmaßnahmen nicht." Und ja, so weitergehen wie bisher, immer mehr Menschen auf engem Raum, immer mehr Ärger und Frust, das könne es natürlich nicht.

Die Einrichtung gibt es seit 1945. Als "Grenzdurchgangslager Friedland" war es damals erste Zufluchtsstätte für Kriegsflüchtlinge und frühere Wehrmachtssoldaten, die aus den Gefangenenlagern der Sowjetunion zurückkehrten. Nach der Wende kamen dann Übersiedler aus der DDR. Jahrzehntelange Erfahrung hat man hier also mit der Betreuung vieler Menschen in Not, man ist gut organisiert, die Bevölkerung ist gewöhnt an Flüchtlinge und Vertriebene: In der kleinen niedersächsischen Gemeinde verschwimmen Ortskern und Heim, die Einfamilienhäuser stehen in unmittelbarer Nähe zu den Unterkünften der Flüchtlingsfamilien.

Doch die aktuelle Situation überfordert auch das Erstaufnahmelager Friedland, heute Anlaufpunkt für Menschen aus Nahost, die einen Asylantrag in Deutschland stellen wollen. Überall stehen Betten für Neuankömmlinge, selbst auf den Fluren. Dort sollen bestenfalls die alleinstehenden Männer schlafen, damit die Familien wenigstens ein bisschen Privatsphäre haben. Das Zelt, das seit einiger Zeit auf dem Bolzplatz steht, wird nun für den Winter mit einer zusätzlichen Wärmeschicht ausgestattet, damit auch hier weiter Flüchtlinge leben können.

Bis zu zehn Monate warten auf den Asylantrag

Rund um die Uhr kommen die Flüchtlinge an, sagt Heimleiter Hörnschemeyer. Das Flüchtlingsheim ist kein abgesperrter Bereich, jeder kann rein und raus. Am nächsten Morgen stehen sie Schlange für eine erste Anmeldung. Bis ein Flüchtling offiziell registriert ist, seine Identität abgeglichen und eine Gesundheitsprüfung vorgenommen, dauert es inzwischen bis zu sechs Wochen. Den ersten Termin bei den 35 Mitarbeitern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge gibt es in fünf Monaten, dann erst kann der Asylantrag gestellt werden. Es wird im Schnitt noch mal mindestens fünf Monate dauern, bis über ihn er entschieden ist.

Der Frust ist riesig, die Konflikte nehmen zu, bei der Essensausgabe, im Supermarkt. Erst am Montag gab es wieder einen Polizeieinsatz: Ein Iraker soll eine Afghanin auf die Wange geküsst haben. "Das fand weder sie gut noch ihr Ehemann", erzählt Hörnschemeyer lapidar. Der Konflikt habe sich hochgeschaukelt, schließlich prügelten sich hundert Menschen. "Das ist etwas, was wir in der Vergangenheit überhaupt nicht gekannt haben", sagt der Heimleiter. Wenn er auf dem Gelände ist, drängen sich die Flüchtlinge um ihn, wedeln mit ihren Papieren. Wieso das alles so langsam gehe mit ihrem Asylantrag, fragen sie.

Niedersachsens SPD-Innenminister Boris Pistorius ist angesichts solcher Bilder der Ansicht, dass die noch frischen Beschlüsse des Flüchtlingsgipfels im Kanzleramt Ende September nicht ausreichen. Allein in den ersten sechs Oktobertagen seien 6.000 Flüchtlinge neu nach Niedersachsen gekommen, sagt er. Kein Vergleich mit dem gebeutelten Bayern, wo täglich 10.000 ankommen, aber schon mehr als genug. Da hilft nicht nur Geld für Länder und Kommunen, da verlangen die Verantwortlichen in den Einrichtungen, den Kommunen und den Ländern vielmehr eine Perspektive: Wie soll es weitergehen?