ZEIT ONLINE: Herr Habeck, hat die Flüchtlingskrise die Grünen verändert?

Robert Habeck: Sie hat alle Parteien verändert. Auch uns. Die Realität zwingt alle handelnden Parteien permanent, ihre Beschlüsse zu überprüfen. Ich habe früher oft genug gefordert, keine Flüchtlinge in Zelten unterzubringen. Die schiere Not zwingt uns längst dazu. Wir haben immer gesagt, dass wir Flüchtlinge dezentral unterbringen wollen, nicht in großen Sammelunterkünften. Auch das ist längst von der Wirklichkeit überholt, weil wir in kürzester Zeit Wohnraum für viele Tausend Menschen schaffen müssen. Wir erleben also eine Situation, in der Realität und Grundüberzeugungen mitunter heftig aufeinanderprallen, erst recht, wenn man in Regierungsverantwortung steht und sich nicht rauswinden kann. Im Privaten erlebe ich ebenfalls, wie kulturelle Barrieren auch die eigene Toleranz auf die Probe stellen ...

ZEIT ONLINE: Welche kulturellen Barrieren stellen Sie fest?

Habeck: Ein Beispiel: Ich habe eine syrische Frau kennengelernt, die schwere Schnittverletzungen am Bein hatte, weil sie mit ihrem Baby auf dem Arm in den ungarischen Stacheldrahtzaun gefallen war. Es war Freitagnacht, und ich wollte einen befreundeten Arzt anrufen. Aber sie wollte und durfte sich nicht von einem Mann untersuchen lassen. Ich fand das falsch, ja, ich habe gemerkt, dass ich irgendwie gekränkt war, dass meine Hilfsbereitschaft zurückgewiesen wurde. Solche Barrieren meine ich. Sie macht es so, wie sie es richtig findet, und wir so, wie wir es richtig finden. Und das klappt nicht auf Anhieb. Es gibt einen Freiraum, der nicht von Gesetzen geregelt ist, sondern von Menschen.

ZEIT ONLINE: Bundespräsident Joachim Gauck formuliert es so: "Es soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammengehörte." Wer muss denn auf wen zugehen?

Habeck: Weder ist Multi-Kulti eine sich selbst erfüllende Prophezeiung noch ist Deutschland ein idyllischer Ponyhof. Alle, auch die Flüchtlinge, müssen lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Der Satz des Bundespräsidenten ist irgendwie richtig, sagt aber im Grunde nichts aus. Jeden Tag, jede Stunde geht es um ganz praktische Probleme. Wie schaffen wir Wohnraum? Wer darf Deutschkurse geben? Alle oder nur Fremdsprachenlehrer? Und wenn Sport so gut für die Integration ist, wie kriegen wir die Turnhallen wieder frei? In meinem Heimatort Flensburg, wo jeden Tag 1.000 Flüchtlinge nach Schweden durchreisen, lautet die Frage: Wer macht die Toiletten am Bahnhof sauber?

ZEIT ONLINE:  Und wer macht es?

Habeck: Erst haben es die Freiwilligen gemacht, dann wurde mit der Bahn gesprochen und nach langem Hin und Her hat es die Stadt übernommen. Das ist geradezu paradigmatisch. Nicht nur die Grünen sehen sich in ihren Grundüberzeugungen herausgefordert. Die Polizei, Zugbegleiter, die Helfer des Roten Kreuzes … Kaum einer macht mehr Dienst nach Vorschrift. Das ist einerseits großartig, andererseits führt es uns alle eben immer wieder ans Limit.

ZEIT ONLINE:  Die CSU will den Flüchtlingen die deutsche Leitkultur vermitteln. Sie auch? Schließlich haben Sie mal ein Buch über Patriotismus und Heimatliebe geschrieben.

Habeck: Ich habe damals festgestellt, dass man schwerlich Verantwortung für eine Gesellschaft oder einen Raum übernehmen kann, wenn man nicht dazugehören will. Das gilt jetzt erst recht, und zwar für Deutsche wie für Immigranten. Wir leben in einer säkularen, liberalen, emanzipierten Gesellschaft. Der Staat garantiert Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit. Und die Flüchtlinge sind genau deshalb zu uns gekommen, weil sie in ihrem Land all das nicht hatten. Jetzt müssen sie das abstrakte Wissen umzusetzen lernen. Die Syrer, die ich kenne, wollen das auch und zwar möglichst schnell. Auch da wird es wieder ganz konkret: Religionsfreiheit bedeutet ja, dass man seine Religion ausüben kann. Wo aber entstehen für eine Million Muslime Gebetshäuser? Wo werden in Deutschland Imame ausgebildet? Leitkultur hilft als abstrakter Begriff überhaupt nicht weiter. Leitkultur bedeutet nicht, dass alle Syrier Katholiken werden. Sie bedeutet, dass die CSU für Moscheen sorgen muss, damit es nicht die Salafisten tun.