Als auf der Leinwand hinter der Bühne das Bild der Siegerin aufploppte, hätte das an gewöhnlichen Wahlabenden den Applaus noch befeuert. Doch an diesem Abend im Historischen Rathaus in Köln wirkte das Porträt wie eine kalte Dusche, die die Betrachter zurückholt in die Realität. Schlagartig schien den Menschen im Saal wieder bewusst zu werden, dass die Wahlsiegerin Henriette Reker ihren Triumph nicht feiern kann. Dass sie womöglich noch nicht einmal davon weiß.

Am Samstagmorgen war Henriette Reker von einem 44-Jährigen niedergestochen worden. Sie verteilte gerade Rosen an einem Wahlstand im Kölner Stadtteil Braunsfeld, als ihr der Täter ein Butterfly-Messer in den Hals rammte. Nach einer Notoperation im Krankenhaus versetzten die Ärzte sie in ein künstliches Koma. Statt die Auszählung im Rathaus mitzuverfolgen, lag Reker am Wahltag auf der Intensivstation.

Die Ärzte sind optimistisch, dass sich Reker zumindest körperlich vollständig erholen wird. Zur Erleichterung über ihren Gesundheitszustand kam die Erleichterung über das Wahlergebnis. 52,66 Prozent holte die parteilose Reker schließlich, ein komfortabler Vorsprung von 20 Prozentpunkten auf ihren Konkurrenten Jochen Ott von der SPD.

Die Kellner auf der Wahlparty in einem Restaurant neben dem Rathaus servierten Kölsch und Fingerfood. Wirklich ausgelassen war die Stimmung unter den mehreren Hundert Besuchern jedoch nie. Zu tief war der Schock über das Attentat, zu bohrend die Frage nach dem Warum.

Drei Parteien hatten Reker, selbst ohne Parteibuch, im Wahlkampf unterstützt: CDU, FDP und Grüne. Reker, studierte Juristin, machte diese Überparteilichkeit zu ihrem Markenzeichen, sie wollte aufräumen mit dem Kölner Politikgeklüngel, der Karnevalshochburg die notwendige Seriosität zurückgeben. Argumente für ihren Kurs gibt es unzählige: Vor Kurzem etwa musste die Stadtverwaltung die Wiedereröffnung der Kölner Oper auf unbestimmte Zeit verschieben – Mehrkosten von 20 Millionen Euro inklusive. In Berlin und Hamburg mit ihren Flughäfen und Elbphilharmonien schlagen solche Meldungen regelmäßig hohe Wellen. In Köln hingegen? Et hätt noch emmer joot jejange.

Auch der Vorlauf zur OB-Wahl selbst geriet zum Debakel – und lieferte Reker weitere Argumente gegen ihren SPD-Kontrahenten. Der ursprüngliche Wahltermin am 13. September musste verschoben werden, da auf den Stimmzetteln die Parteinamen zu groß geraten waren: Juristen erkannten eine Benachteiligung der parteilosen Kandidaten. Die Verschiebung der Wahl kostete rund eine Million Euro, die verantwortliche Wahlleiterin – eine SPD-Frau – trat nach der Panne zurück.

Ein wirklicher Neuanfang?

Die Kölner trauen Reker offensichtlich zu, "das Rathaus nicht nur aufzuräumen, sondern auszuräumen", wie die 59-Jährige selbst gern sagt. Dabei ist es zumindest bemerkenswert, mit welchem Erfolg sich Reker als externe Stimme der Vernunft inszeniert: Seit 2010 ist sie Sozialdezernentin der Stadt Köln und somit langjähriger Teil der Verwaltung, die viele Kölner eigentlich ablehnen. Ein wirklicher Neuanfang sieht wahrscheinlich anders aus.

Als oberste Integrationsbeauftragte Kölns war Reker auch für die Flüchtlinge in der Stadt verantwortlich. Vor allem im Wahlkampf warb sie immer wieder für eine bessere Eingliederung und Unterbringung der Neuankömmlinge: So kaufte die Stadt, auf Initiative von Reker hin, im vergangenen Jahr das ehemalige Vier-Sterne-Hotel Bonotel im noblen Kölner Süden für 5,8 Millionen Euro – um es zu einer Flüchtlingsunterkunft zu machen. Vielen Kölnern passte das nicht, die lokale Boulevardzeitung Express heizte die Stimmung an mit der Zeile: "Vier Sterne für Asylanten."

Wie es scheint, wurde Reker ihr Engagement für Flüchtlinge am vergangenen Samstag zum Verhängnis. Der Attentäter, der mit dem Messer auf sie losging, soll einen rechtsextremen Hintergrund haben: Angeblich war er Mitglied der mittlerweile verbotenen nationalistischen Freiheitlichen Arbeiter Partei. Bei der Vernehmung durch die Polizei soll der 44-Jährige zudem auf die Frage nach seinen Motiven geantwortet haben: "Reker und Merkel fluten uns mit Flüchtlingen und Ausländern." Psychologen attestieren ihm volle Schuldfähigkeit, die Anklage lautet wohl versuchter Mord.

Doppelte Premiere

Das Attentat auf Henriette Reker hat aus bloßer Kommunalpolitik eine Frage mit bundesdeutscher Wirkung gemacht: Wie wird Köln auf den Anschlag reagieren? Bleibt die selbsternannte Hauptstadt der Toleranz offen gegenüber Flüchtlingen? Und bleiben die Politiker offen gegenüber ihren Bürgern? SPD-Kandidat Ott etwa hatte nach dem Angriff angedeutet, seine Termine künftig nicht mehr öffentlich anzukündigen.

Von den Kölnern erntete Reker am Wochenende viel Unterstützung – nicht nur bei der Wahl: Auf unzählige Wahlplakate in der Innenstadt waren mit Edding Genesungswünsche geschrieben, im Kölner Stadion entrollten FC-Fans beim Heimspiel gegen Hannover ein Plakat mit der Aufschrift: Demokratie lässt sich nicht abstechen.

Schnell wieder gesund werden

Die nächsten Wochen im Kölner Rathaus werden spannend. Rekers Wahl ist eine doppelte Premiere: Sie wird als erste Frau und Nicht-Parteimitglied Oberbürgermeisterin von Köln. Am Mittwoch, 0 Uhr, sollte Reker offiziell das Amt von ihrem Vorgänger Jürgen Roters (SPD) übernehmen, das wird nun nicht möglich sein. Köln steht also voraussichtlich erst einmal ohne Oberbürgermeisterin da.

Auch über eine mögliche große Koalition im Stadtrat, mit der Reker dann regieren würde, wird auf der Wahlparty im Kölner Rathaus getuschelt. Wirklich wichtig ist die Parteipolitik an diesem Abend aber niemandem. "Wir wünschen uns jetzt einfach nur", sagt ein älterer CDUler, "dass Frau Reker schnell wieder gesund wird."