In 18 Monaten bis zur Unabhängigkeit von Spanien: So lautete das Versprechen, das das ungleiche Wahlbündnis Junts pel Sí aus Konservativen, Bürgerinitiativen und Linksrepublikanern den Bürgern im nordspanischen Katalonien gab. Und womit es die Wähler überzeugte: Bei der Regionalwahl Ende September wurde Junts pel Sí stärkste Kraft. Gemeinsam mit der kleinen, aber ebenso nach Unabhängigkeit strebenden antikapitalistischen Partei CUP reichte es für eine Mehrheit im Regionalparlament.

Die Separatisten waren euphorisiert: Sie wollten nun eine eigene Verfassung ausarbeiten, hart mit Madrid verhandeln, einen Politikwechsel einleiten. International beachtet wurde der Wahlsieg der Separatisten, Journalisten und Rechtsexperten sinnierten bereits über die Frage, ob die Region um Barcelona denn bei einer Ablösung von Spanien automatisch EU-Mitglied sein könne. Und darüber, was denn eigentlich Europas heimliche Regentin Angela Merkel dazu sage. Die Kanzlerin hatte bisher die Zentralregierung in Madrid in ihrer harten Ablehnung der Unabhängigkeitspläne unterstützt. Dabei ging es wohl auch darum, Nachahmer in anderen europäischen Regionen zu entmutigen.

Jetzt, rund vier Wochen nach der Wahl, müssen sich weder Merkel noch der konservative spanische Regierungschef Mariano Rajoy allzu große Sorgen machen.

Das Projekt Unabhängigkeit stockt gewaltig, denn Junts pel Sí hat gerade eine Menge anderer Probleme. Dem Bündnis gehört die bisherige liberale katalanische Regierungspartei Convergència Democràtica de Catalunya (CDC) an. Deren Chef Artur Mas ist seit fünf Jahren Regierungschef in Katalonien und will dies nach dem Wahlsieg seines Bündnisses auch bleiben – eben um mit Madrid über die Abspaltung zu beraten. Doch ob es so kommt, ist gerade ziemlich ungewiss.

Denn Mas ist bei der Regierungsbildung auf die Stimmen der CUP angewiesen. Die Antikapitalisten haben allerdings bereits angekündigt, eine Wiederwahl des katalanischen Präsidenten sei für sie eine "rote Linie", die sie niemals überschreiten wollten. Sie halten Mas für einen Vertreter der alten, korrupten Politikerkaste – die doch so viele Katalanen gerne loswerden würden.

Drei Prozent Parteigeld für jeden Bauauftrag?

In dieser verzwickten Situation haben sich die Separatisten jetzt erst einmal darauf geeinigt, das gemeinsame Regierungsprogramm zu erarbeiten und sich danach erst auf das Personal zu verständigen, das Katalonien dann in die Unabhängigkeit führen soll. Von den Inhalten der Koalitionsverhandlungen hört man wenig, böse Zungen behaupten: Außer dem Ruf nach Unabhängigkeit habe das ungleiche Bündnis sowieso wenig bis keine Ziele für die Regionalpolitik für die sieben Millionen Katalanen definiert.

Die Verhandlungen seien schwierig, aber nicht unmöglich, sagte letztens Kataloniens Vizeregierungschefin Neus Munté. Es brauche nun "Zeit" und "Ruhe", um voranzukommen. Am Montag tritt erstmals das neu gewählte Parlament zusammen, immerhin: Die Personalie der künftigen Parlamentspräsidentin ist nicht umstritten. Carme Forcadell, eine Linksrepublikanerin, soll übernehmen.

Die Zukunft des von Junts pel Sí zum Präsidentschaftskandidaten auserkorenen Mas ist aber unsicherer denn je. Am Mittwoch durchsuchte die Polizei die Zentrale seiner Partei CDC, alte Korruptionsvorwürfe holen ihn wieder ein. Der aktuelle sowie der ehemalige Schatzmeister der Partei wurden festgenommen, ebenso wie der städtische Baudirektor. Der Verdacht: Sie sollen bei der Vergabe von Bauaufträgen stets drei Prozent an Schmiergeldern von den begünstigten Firmen bekommen und in die Parteikasse gesteckt haben. Der aktuelle Schatzmeister sitzt gar in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Richter besteht die Gefahr, dass er Beweismittel vernichtet. Die konservative spanische Zeitung El Mundo beklagt "illegale Finanzierung" der Partei von Artur Mas und munkelt, die Formation wolle sich wohl auch von Spanien lösen, um den seit Jahren laufenden Ermittlungen zu entgehen.

Mas, der bisher nicht persönlich ins Visier der Ermittler geriet, spricht von einem politischen Komplott: Wegen der Unabhängigkeitspläne werde die Partei CDC verfolgt wie "Großwild", sagte der amtierende Präsident. Die Hausdurchsuchungen würden ohne Ergebnis bleiben, da seine Partei nichts Falsches getan habe. Legale Unternehmensspenden an CDC würden hier diskreditiert, nirgendwo sonst in Spanien gehe es bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen so transparent zu wie in Katalonien.