Nein, das war nicht die Bundeskanzlerin, die sich da am vorigen Mittwoch von Anne Will zur Flüchtlingsfrage interviewen ließ. Das war die Pastorentochter Angela Merkel, die ihre christlichen Empfindungen als politisches Stratagem ausgab. Ihre sattsam bekannte EGKA-Sentenz – "Es gibt keine Alternative" – kam diesmal in lutherischer Wucht daher: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Menschlich sehr eindrucksvoll, politisch von kläglicher Unzulänglichkeit.

Damit hier kein Irrtum aufkommt: Ich teile den Grundansatz der Kanzlerin, dass wir politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge gemäß und getreu dem Asylparagrafen 16 unseres Grundgesetzes willkommen heißen müssen. Allerdings gibt es da durchaus Grenzen, zumal zwei.

Erstens lese ich in meinem aus dem Jahr 1989 stammenden Jarass/Pieroth-Kommentar zum Grundgesetz: "Verfolgung ist nur durch Menschen, nicht aber durch Umstände möglich. Das Asylgrundrecht hat nicht zur Aufgabe, vor den allgemeinen Unglücksfolgen zu bewahren, die aus Krieg, Bürgerkrieg, Revolution oder sonstigen Unruhen hervorgehen, … und auch nicht, in wirtschaftlichen Notlagen, die nicht ihrerseits auf Verfolgungsmaßnahmen zurückzuführen sind, zu helfen. " Die Politik hat denn auf jeden Fall das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, Unterscheidungen vorzunehmen.

Zweitens gilt unabänderlich der altrömische Rechtssatz: "Ultra posse nemo obligatur" – über das hinaus, was er zu leisten vermag, ist niemand verpflichtet. Anders ausgedrückt: Die moralische Pflicht zu helfen findet ihre Schranke am Machbaren. Auch im Hinblick darauf ist es die Sache der Politik, die Grenze zwischen dem Möglichen und Unmöglichen zu ziehen.

Der Satz "ultra posse nemo obligatur" ist in den letzten Tagen in mehreren Kommentaren zur Flüchtlingskrise aufgetaucht. Ich selber habe ihn 1986 in einem ZEIT-Artikel zitiert, in dem ich in der damaligen Asylbewerber-Diskussion gegen völkische Kleinkariertheit und akute "Umvolkungs"-Ängste anschrieb, wie sie ein Leitartikler der Frankfurter Allgemeinen an die Wand gemalt hatte: "Bewahrt uns nur Zufall oder Mangel an Reisemöglichkeiten davor, dass wir in wenigen Jahren ein wegen Überfüllung von sozialen, nationalen, religiösen Konflikten erschüttertes Land mit asiatisch-afrikanischer Bevölkerungsmehrheit werden?" Die grenzenlose Asylgarantie, orakelte der FAZ-Kommentator, könne unseren Staat zwingen, "die deutsche Nation … aufzugeben".

Solcher Panikmache wollte ich entgegentreten. Ich schrieb: "Gewiss kann niemand von uns erwarten, dass wir Dutzenden von Millionen Menschen aus der geplagten Dritten Welt Zuflucht bieten. Ultra posse nemo obligatur: Keiner ist zu mehr verpflichtet, als er zu leisten vermag. Das Grundgesetz verlangt nicht die Selbstpreisgabe von uns. Es fordert nicht, dass wir uns wegen eines Verfassungsrechts finanziell ruinieren oder als Nation aufgeben. Aber von dieser Grenze sind wir meilenweit entfernt."

Es gab auch damals schon manche Skepsis. Helmut Schmidt warnte als Kanzler davor, "dass wir einen weiteren Zuzug von Ausländern in unser Land nicht mehr verkraften können". Heinz Kühn, ehemals SPD-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, drückte sich noch kategorischer aus: "Übersteigt der Ausländeranteil die Zehnprozentgrenze, wird jedes Volk rebellisch."

Fast dreißig Jahre ist das her. Damals argumentierte ich: "Bisher kann keine Rede davon sein, dass wir uns einen größeren Ausländeranteil aufgehalst hätten, als wir psychologisch und wirtschaftlich bewältigen können. Vor ‚übertriebener Menschlichkeit’ braucht niemand zu warnen. Das Fass läuft keineswegs über."

Jetzt sehe ich mit Sorge, dass die schiere Masse der Flüchtlinge die gefeierte "Willkommenskultur" zu beenden droht. Mehr Menschen stimmen inzwischen Horst Seehofers Befund zu, dass der jetzige Zuzug uns überfordert ("Es sind zu viele. Es fehlen Maß und Ziel"), als dem frohgemuten "Wir schaffen das" der Bundeskanzlerin.

Daran aber ist Angela Merkel selber schuld. Was sie bei Anne Will von sich gab, das hätte der klugen TV-Interviewerin auch Claudia Roth oder Katrin Göring-Eckardt sagen können. Von der Regierungschefin hätte man klare Auskünfte darüber erwarten dürfen, wie wir es schaffen wollen; was ihr Plan ist und wie sie ihn stufenweise verwirklichen will; wie sie es bewerkstelligen will, die immer drastischer zutage tretenden praktischen Schwierigkeiten der Flüchtlingsaufnahme zu bewältigen; was getan werden muss, um die Neuankömmlinge warm über den Winter zu bringen, sie Deutsch lernen zu lassen, sie in Arbeit und Brot zu bringen und kulturell zu integrieren.

Seehofer wirft der Kanzlerin vor, sie weigere sich, die neue Völkerwanderung "zu steuern und zu begrenzen", sie "manage" sie nur. Aber managed sie wirklich? Bei Anne Will gab sie es nicht zu erkennen. Sie flüchtete sich in Bürokratenfloskeln wie "geordnete Prozesse" oder "geordnete Situationen". Ihr Plan? Transitzonen an der deutschen Grenze und abgelehnte Asylbewerber prompt abschieben – was heißt das? Lager für Zehntausende einrichten, die dort monatelang auf Abfertigung warten, und brutale Rückführung mit den Transall-Transportflugzeugen der Bundeswehr? In Europa eine fairere Verteilung der Zufluchtsuchenden durchsetzen? Dabei geht es um ganze 140.000 – ein Zehntel nicht einmal der in Deutschland dieses Jahr erwarteten 1,5 Millionen? Mehr tun für die Menschen in den Massenlagern des Nahen Ostens – um welchen Preis, mit welcher Wirkung? Die Entwicklungshilfe aufstocken, um die auswanderungswilligen Afrikaner zum Bleiben zu veranlassen, oder solche Hilfe für alle Diktaturen zu streichen – welche Aussichten hat das? Die Fluchtursachen bekämpfen durch Friedenschaffen in der Mittelost-Region – aber wie? Militäreinsatz? Oder doch lieber eine große internationale Konferenz unter Einschluss Amerikas, Russlands, der EU, vor allem Saudi-Arabiens und des Irans, und wohl oder übel auch Baschar al-Assads, die dem arabischen Raum eine neue Ordnung verpasst? Die Idee drängt sich auf. Doch wo bleibt der Aufruf, die Einladung dazu? Sie müssten aus Paris und Berlin kommen.

Trutz- und Betstunden im Fernsehen sind keine Politik. Der Bürger hat Anspruch auf genauere, konkrete Auskünfte. Denn wenn zu Überflutungsängsten, wie immer irrational, die Befürchtung tritt, dass die Regierung ratlos, hilflos und tatenlos den Ereignissen zusieht, gerät die Stabilität der Demokratie in Gefahr.