Die große Koalition wird trotz der derzeitigen Krise wegen des Flüchtlingsstreits nach den Worten von CDU-Vize Julia Klöckner nicht zerbrechen. "Na ja, ich liege jetzt nicht nachts schlaflos in den Kissen deshalb", sagte sie dem ZDF. Es habe "schon andere Herausforderungen in unserem Land" gegeben. CDU, CSU und SPD hätten einen Auftrag der Wähler, fügte sie hinzu und warnte: "Und wenn eine Koalition deshalb zerbrechen sollte, ich glaube, dann hätte die Politik eine Riesenglaubwürdigkeitskrise."

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte der Bild-Zeitung vor dem Koalitionsgipfel am Sonntag vieldeutig gesagt, man sei "auf alles vorbereitet, juristisch, politisch, prüfen dieses und jenes …". Sein Finanzminister Markus Söder hatte zuvor von einer "echten Koalitionskrise" gesprochen. Eine Meldung, dass die CSU ihre Minister aus dem Kabinett abziehen könnte, dementierte Seehofer nicht.

Für die jüngsten Forderungen und Drohungen der CSU zeigte Klöckner sogar ein Stück Verständnis. Bayern sei in einer "anderen Situation", sagte sie mit Verweis darauf, dass Tausende Flüchtlinge täglich über die Grenze nach Bayern kommen.

Führende CSU-Politiker versuchten, die Diskussion über einen drohenden Bruch der großen Koalition abzuschwächen. "Die Frage stellt sich jetzt nicht, und das ist auch die Debatte zur Unzeit", sagte der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, im Deutschlandfunk und erwähnte die Transitzonen als dringliches Thema. Die CSU-Landesgruppenchefin im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, sagte, ihre Partei kämpfe angesichts überschrittener Belastungsgrenzen jeden Tag in der Koalition für eine dringend nötige Begrenzung des Flüchtlingszulaufs. Weder die Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag noch der Abzug der CSU-Minister seien "hilfreiche Optionen, deshalb erwägt das auch niemand". Die CSU nehme ihre Regierungsverantwortung wahr.

Auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles warnte vor einem Auseinanderbrechen der Koalition. Sie forderte die Partner zu einer gemeinsamen Lösung des Flüchtlingsproblems auf. "Wir müssen das miteinander durchstehen", sagte die SPD-Politikerin. "Einseitig aufkündigen – das halte ich nicht für zielführend."

Im Hinblick auf das Krisentreffen am Sonntag forderte Klöckner die Zustimmung der SPD zu den umstrittenen Transitzonen an den Grenzen. Es handele sich nicht um Haftanstalten, wies sie die SPD-Kritik zurück. Zudem betonte die Parteivize, dass es in Deutschland zwar keine zahlenmäßige, wohl aber "eine faktische Obergrenze" für die Zahl der aufzunehmenden Flüchtlinge gebe. Die Transitzonen könnten eines der bestimmenden Themen des Treffens werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), CSU-Chef Seehofer und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wollen sich am Sonntag in Berlin treffen, um über die Flüchtlingspolitik zu sprechen. Seehofer hatte zuletzt seine Kritik an Merkels Linie verschärft und ultimativ bis Sonntag eine Kehrtwende hin zu einer rigoroseren Politik verlangt.