Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. Peer Steinbrück zum Beispiel, der vorige Kanzlerkandidat der SPD, zauderte lang. Obwohl alle schon ahnten, dass es auf ihn hinauslaufen würde. Ganz anders, als es sonst seine Art ist, druckste er monatelang herum, wenn es um die K-Frage ging. Letztlich sah er sich genötigt, eilig Fakten zu schaffen, weil ein potenzieller Konkurrent, Frank-Walter Steinmeier, verzichtete. Die Kanzlerkandidatur wirkte so wie ein Job, den keiner haben wollte. 

Bei Steinmeier wiederum war es 2008/2009 so, dass er sich erst das richtige Umfeld für eine Kandidatur schaffen wollte. Er wollte möglichst wenig mit dem damaligen Parteichef Kurt Beck zusammenarbeiten, sondern lieber mit Franz Müntefering. Beck machte das so zornig, dass er hinwarf. Steinmeier hatte sein Ziel erreicht, musste aber bei der Verkündigung seiner Kandidatur am Schwielowsee, statt sich feiern zu lassen, erst mal den Scherbenhaufen kommentieren.   

Generell ist es nicht ratsam, sein Interesse am Kanzleramt zu früh öffentlich zu bekunden. Angela Merkel teilte im Januar 2002 in der TV-Show von Reinhold Beckmann einem größeren Publikum mit, dass sie sich das Amt durchaus vorstellen könnte. Nur wenige Tage später musste sie diesen Anspruch revidieren, weil mächtige Herren in ihrer Partei statt ihrer Edmund Stoiber favorisierten. 

Noch sehr viel früher als Merkel damals offenbarte sich jetzt ihr heutiger Vizekanzler, Sigmar Gabriel. "Natürlich will ich Bundeskanzler werden", lässt er sich in der aktuellen Ausgabe des Stern zitieren. Und das, obwohl noch fast zwei Jahre bis zum offiziellen Wahltermin im September 2017 sind. Er ist damit der mit Abstand schnellste Kanzlerkandidat der Neuzeit. Zu Gabriel passt das: Er ist ein Politiker, der lieber vorprescht, als sich abzusichern.

Aber ist das klug? Das Land hat derzeit ganz andere Probleme. Die Frage, wer Merkel 2017 herausfordert, wird weder an der Basis noch in den Medien heiß diskutiert.

Zügig und geschlossen

Genau das könnte aber auch ein Vorteil sein. Diskussionen gibt es nämlich zurzeit eher in der CDU. Erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit haben Merkel und die Union an Popularität eingebüßt. Zwar liegen sie immer noch weit vor Gabriel und der SPD. Aber immerhin reicht es schon, um die Union in Unruhe zu versetzen. Erstmals seit Stoibers Zeiten denken Merkels Parteifreunde wieder über eine Alternative zu Merkel nach. Da schadet es für die größte Konkurrenzpartei nichts, wenn sie ihre Führungsfrage zügig beantwortet – und sich geschlossen präsentiert. 

Zwar ist auch Gabriel in seiner Partei nicht nur beliebt. Den linken Flügel hat er als Wirtschaftsminister schon mehrfach brüskiert. Nicht zufällig verknüpfte er seinen Willen zur Kandidatur mit einer Bedingung: Er wolle Kanzler werden, wenn "die SPD mich aufstellen will", sagte Gabriel im Stern. Gleichwohl ist echter Widerstand gegen Gabriels Wunsch kaum vorstellbar. Die SPD ist eine überaus disziplinierte Partei. Sie wird Gabriel unterstützen – zumal, wenn er der einzige ist, der sich den Job zutraut.

Denn der Job des Kanzlerkandidaten ist derzeit in der SPD ziemlich unpopulär – noch zumindest. Die wenigen bundesweit bekannten Spitzenpolitiker, die statt Gabriel antreten könnten, Hannelore Kraft oder wieder Steinmeier, haben ihr Desinteresse signalisiert. Und andere, wie etwa Heiko Maas oder Olaf Scholz, wollten Merkel bislang ebenfalls 2017 nicht herausfordern. Manche, wie Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Thorsten Albig, schlugen sogar schon vor, diesmal ganz auf einen eigenen Kandidaten zu verzichten.

Dieses sozialdemokratische Desinteresse gründet sich auf Merkels Popularität, die wie ein Naturgesetz wirkte. Kein Sozialdemokrat räumte sich selbst auch nur den Hauch einer Chance ein. Die Ausgangslage könnte sich aber ändern, wenn die Union noch ein paar Monate weiter über ihren Umgang mit den Flüchtlingen streitet. Dann wäre der Job des Merkel-Herausforderers plötzlich nicht mehr ganz so unattraktiv. Allerdings könnte Gabriel da schon längst förmlich nominiert sein. Dann also, wenn die K-Frage theoretisch noch einmal spannend werden könnte, wäre sie diesmal längst entschieden.