Als im September das leerstehende Gebäude hinter dem Elternhaus von Dirk D. hergerichtet wird, haben viele in der Nachbarschaft einen Verdacht, aber niemand weiß etwas Genaues. Eigentlich informiert die Stadtverwaltung alle Bewohner eines Hauses, bevor sie Flüchtlinge einquartiert. Aber in diesem Fall bekommt niemand Bescheid, das Gebäude steht ja leer.

Eine Nachbarin, die wenige Häuser weiter lebt, erinnert sich, wie plötzlich die Gerüchte wucherten. Fünfzig Männer sollten in das Haus einziehen, lautete eins davon. Die "schlimmsten Szenarien" seien durch die Nachbarschaft gegeistert, erzählt die junge Mutter. "Wir haben uns damals auch Gedanken gemacht", sagt sie. Von heute aus gesehen, kann sie kaum noch begreifen, was sie damals verunsicherte.

Ihre Haustür steht offen. Ein paar Vorschulkinder aus dem Flüchtlingshaus rennen rein und wieder raus. Sie haben sich gleich mit den deutschen Nachbarskindern angefreundet. Obwohl die Flüchtlinge kaum Deutsch sprechen und die Kinder aus der Siedlung kein Arabisch, stört das ihr Spiel offensichtlich nicht. Gemeinsam ziehen sie los, die Sackgasse hinunter. Wer in dem Pulk die Neuen sind? Auf die Schnelle nicht zu sagen. Ein Bild wie aus einem Werbefilm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

Dirk D. hat offenbar etwas anderes erwartet. Als die neuen Nachbarn am zweiten Oktober eintreffen, füllt er an einer Tankstelle gemeinsam mit einem Freund Benzin in einen Kanister. Als sich die Flüchtlinge das erste Mal schlafen legen, kappen die Männer die Leitung zur Brandmeldeanlage. Dirk D. steigt durch ein Kellerfenster in das Haus ein, legt Feuer an zwei Stellen auf dem Dachboden. Sein Kumpel passt draußen auf.

Erinnerungsfoto am Tatort

Stunden schwelt das Feuer vor sich hin. Erst am nächsten Tag bemerken Nachbarn den Brandgeruch, holen die Flüchtlinge aus dem Gebäude und alarmieren die Feuerwehr.

Rund vierzig Feuerwehrleute vom Löschzug 1 in Altena bekommen die Nachricht auf ihre mobilen Meldegeräte. Auch Dirk D. eilt herbei und hilft, das Feuer zu löschen. Am Ende des Einsatzes zieht er sich sein verschwitztes T-Shirt aus. Mit blankem, muskelbepacktem Oberkörper steht er zwischen Rettungsfahrzeugen auf der Straße. Björn Braun, Journalist der Lokalstimme aus Altena, erinnert sich an die merkwürdige Szene. Er hat den Feuerwehrmann schon öfter bei dieser Gewohnheit beobachtet. An diesem Oktobersamstag erlaubt er sich einen Scherz: "Soll ich ein Foto von dir machen? Dann bekommst du wieder Fanpost!", fragt er Dirk D. Aber der steigt nicht ein auf den Spaß. Niemand habe damals geahnt, dass der Retter auch der Brandstifter war, sagt Björn Braun.

Nach seinem Geständnis flog Dirk D. bei der Berufsfeuerwehr raus. Die freiwillige Feuerwehr suspendierte ihn vom Dienst. Er trat aus der Schützengesellschaft aus, um sich das Ausschlussverfahren zu ersparen. Nur in der Fitness Factory komme er ab und zu noch zum Training, sagt die Tresenfrau.

Den Ermittlern sagte Dirk D. später, er habe die Tat aus "persönlicher Verärgerung" begangen. Aus "Angst" vor den Fremden, die in seine Nachbarschaft gezogen waren. Die Bild-Zeitung zitiert ihn kurz nach dem Anschlag mit den Worten, er sei während der Tat nicht "Herr seiner Sinne" gewesen.

Man kann viele Menschen in Altena fragen. Die meisten kennen Dirk D. – und trotzdem ist es schwer, etwas über ihn zu erfahren. Der Leiter der freiwilligen Feuerwehr, Alexander Grass, versichert, der Unterbrandmeister sei nie "auffällig" gewesen. Ein Feuerwehrseelsorger betreut inzwischen die Familie von Dirk D. Der Vater lehnt ein Gespräch ab. Der Zugführer aus dem Schützenverein, ein enger Bekannter von Dirk D., will ebenfalls nicht reden.

So bleibt ein blinder Fleck. "Ich kenne Hundert andere, die denken wie er", sagt Bürgermeister Hollstein: "Die zünden aber keine Häuser an." Das ist der entscheidende Unterschied, den niemand schlüssig erklären kann. Dirk D. selbst könnte es vielleicht. Doch er schweigt.

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In der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015 finden Sie eine Übersicht der Angriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland sowie Einblick in die Arbeit der Polizei. Warum kommen so viele Täter davon? Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.