Wäre das Leben des früheren BND-Mitarbeiters Markus R. ein Agentenfilm, dann finge jetzt die letzte Szene an. Es wäre eine traurige: Ein dünner Mann mit fliehender Stirn kommt am Montag in den Sitzungssaal im Münchner Oberlandesgericht, er lächelt schüchtern in Richtung der Fotografen und Kameraleute. Als er sitzt, sinkt sein Kopf zwischen die Schultern. Seine Anwälte kommen erst fünf Minuten später und nehmen hinter ihm Platz. Markus R. ist ganz für sich allein – wie fast immer in seinem Leben.

Die Biografie des 32-Jährigen hat überhaupt nichts von einem Agentenfilm, die Tat, für die er vor Gericht steht, hingegen alles: Es geht um geheime Akten des Bundesnachrichtendienstes (BND), die er unter dem Decknamen "Uwe" an seinen Verbindungsmann "Alex" von der amerikanischen CIA weitergab. Es geht auch um sogenannte tote Briefkästen, in die er sein Honorar für die Spitzeldienste erhielt, mindestens 95.000 Euro. Manchmal bekam er das Geld auch von "Craig", einem anderen Kontaktmann. Insgesamt sechs Jahre, von Januar 2008 bis Juli 2014, ging das so. Dann wurde R. festgenommen, jetzt beginnt der Prozess gegen ihn.

Die USA spionierten den BND aus – und der BND Amerikaner

Der Fall des eigenbrötlerischen Bürokaufmanns sorgte im Sommer 2014 für internationale Schlagzeilen und Spannungen zwischen Deutschland und den USA. Markus R. hatte dem amerikanischen Geheimdienst Papiere verkauft, aus denen Aufbau und Arbeitsweise der BND-Abteilung Einsatzgebiete/Auslandsbeziehungen hervorgeht, zudem eine Liste mit sämtlichen Mitarbeitern der Behörde. Eines der Dokumente hatte auch den Untersuchungsausschuss zur NSA-Affäre im Bundestag zum Thema. Sie sind der Beweis dafür, dass die USA sehr bewusst auch deutsche Geheimdienste ausspionierten.   


Auch deswegen sorgte die Affäre um R. für eine neue Note in Angela Merkels Satz "Ausspähen unter Freunden – das geht gar nicht", den sie im Oktober 2013 geäußert hatte. Erstens, weil die Bundesregierung im Zuge der Spion-Affäre erstmals ernste Konsequenzen für etwas zog, das "nicht geht": Sie forderte den Repräsentanten der US-Geheimdienste in Deutschland zur Ausreise auf. Zweitens, weil nun auch bekannt wurde, dass auch die Deutschen sich nicht scheuten, selbst mal vertrauliche Kanäle anzuzapfen: In den weitergegeben Akten befindet sich auch das Protokoll eines Telefonats, das Außenministerin Hillary Clinton mit dem früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan geführt hatte.

Die Bundesanwaltschaft hat Markus R. nun wegen Landesverrats in zwei Fällen angeklagt – einmal wegen seiner Kooperation mit den Amerikanern, im zweiten Fall bot er dem russischen Generalkonsulat brisantes Material an. Insgesamt soll er über 200 Dokumente weitergegeben haben. Ihm, der als einfacher Sachbearbeiter beim BND angestellt war, droht im schlimmsten Fall lebenslange Haft.