Cems Stunde – Seite 1

Die erste Woche nach dem Terror von Paris war trotz allem Schrecken eine gute für Cem Özdemir. Der alte und neue Grünen-Chef hatte einen Gastauftritt in der TV-Show von Jan Böhmermann, dem Satiriker für die aufgeklärte Jugend. Ob Özdemir, der gebürtige Türke und Muslim, sich schon von den islamistischen Attentätern distanziert habe, provozierte Böhmermann seinen Gast. Der parierte gelassen: Gerade Muslime litten doch unter dem IS-Terror.

Den Spagat, den ein solcher Auftritt nur wenige Tage nach dem Angriff auf das öffentliche Leben in Paris darstellt, bewältigte Özdemir problemlos, auch wenn er im Nachhinein sagte, ein "wenig aufgeregt gewesen zu sein": Er witzelte mit Böhmermann, ließ aber nie den Ernst der Lage aus dem Blickfeld geraten. Auch die Waffenlieferungen an die Peschmerga, die den IS bekämpfen –  eines seiner Lieblingsthemen– kamen in dem zehn Minuten langen Gespräch auf.

"Das kann er ", sagen Wegbegleiter über den 49-jährigen Schwaben, der auch in den normalen Polit-Talkshows besteht. Özdemir, der erkennbar an sich und seinem Profil gearbeitet hat, wurde am Samstag vom Grünen-Parteitag erneut zum Vorsitzenden der Partei gewählt. Trotz eines Gegenkandidaten kam er auf 76 Prozent der Stimmen – ein deutlich besseres Ergebnis als das seiner Co-Vorsitzenden Simone Peter.

Nun wirkt er entschlossen

Was auch mit den zwei Reden zu tun haben könnte, die Özdemir auf dem Delegiertentreffen hielt. Özdemir, der in seiner Partei lange als etwas dröge galt, wirkte entschlossen, sprach virtuos.  Selbst Parteilinke sagen in Halle an der Saale von sich aus, dass sie den Auftritt des Parteichefs für "vielleicht seinen besten in all den Jahren" hielten.

Was auch damit zu tun hat, dass er seine Themen gefunden hat und diese gerade perfekt in die Zeit passen. Anders als die Agrarwende und die Zeitpolitik, die auf dem Parteitag auch diskutiert wurden. Özdemir hat sich auf einen realpolitischen Kurs in der Außenpolitik festgelegt. Schon vor gut einem Jahr sprach er sich dafür aus, den "Islamischen Staat" mit Waffenlieferungen an die Kurden zu bekämpfen; man könne sich ihm nicht mit der Yogamatte entgegenstellen. Das war eine Provokation für seine Partei. Aber das Thema ist nach dem Terror von Paris natürlich aktueller denn je. In der Fraktion war Özdemir mit seiner Position lange allein, in den Fernsehtalkshows deshalb gefragt.

Der Grünen-Chef weiß, dass er mit seinem klar anti-pazifistischen Kurs auch Sympathien einbüßt. Von sich aus erwähnt er den militärischen Aspekt in seinen beiden Reden auf dem Parteitag nicht. Doch eine Nachfrage eines Delegierten lässt ihn dann doch bekennen: Er glaube an die Waffenlieferungen, "auch wenn mich das jetzt Stimmen kostet". Tut es am Ende nicht. 

Neu ist die dezidierte Haltung, die Özdemir beim Thema Islam einnimmt. Deutlich wie nie adressiert der Sohn türkischer Gastarbeiter auf dem Parteitag die Vertreter des Islam in Europa und legt ihnen nahe, sich endlich zu modernisieren. "Es muss möglich sein, im Jahr 2015 die Worte des Propheten zeitgemäß auszulegen", ruft er den Delegierten zu. "Kein heiliges Buch steht über den Menschenrechten und der Verfassung der Bundesrepublik." Das müsse sich so mancher deutscher Islamvertreter zu Herzen nehmen, findet Özdemir.

Özdemir, der "anatolische Schwabe"

Nun ist es so, dass seine türkischen Wurzeln auch bei den vermeintlich ach so liberalen Grünen oft als mögliche Last galten – was denken wohl die Bürger darüber, wenn ein "säkularer Muslim" (Özdemir über Özdemir) die Partei vertritt? Niemand weiß das besser als der Grünen-Chef. Inzwischen hat er sich damit abgefunden, dass man aus einem vermeintlichen Makel ein Alleinstellungsmerkmal machen muss. Also gibt er jetzt regelmäßig den "anatolischen Schwaben" (ebenfalls Özdemir über Özdemir).

"Wir müssen aus den Fehlern der Gastarbeiterphase lernen", sagt der Grünen-Chef auf dem Parteitag. Es brauche Sprachkenntnisse für die Flüchtlinge, die kommen, und Arbeitsplätze für sie genauso wie für niedrig qualifizierte Deutsche: Damit "keiner gegen den anderen ausgespielt" werde. Und dann berichtet er noch, wie froh er sei, dass seine Eltern für ihn Nachhilfe organisierten, als er die Fünf in Deutsch nach Hause brachte – "und das nicht nur, weil ich immer schwäbisch schwätzte." Doch auf Dauer müsse solche Integrationsarbeit für alle offen stehen – unabhängig von der Motivation der Eltern.

Özdemir weiß um das Spiel mit Aufmerksamkeit, unter anderem ließ er sich mit einer Hanfpflanze auf seinem Balkon ablichten, um für die Freigabe von Cannabis zu werben. Das Foto ging viral, Özdemir wurde sogar angezeigt, das Verfahren aber eingestellt.

Ein "typischer Özdemir", sagen Parteikollegen dazu. Die politische Biografie des Cem Özdemir ist eine mit Höhen und Tiefen. 2002 legte der Stuttgarter sein Bundestagsmandat nieder, unter anderem weil er privat mit Bonusmeilen flog, die er aufgrund seines Mandats erworben hatte. Nach einer Auszeit in den USA kämpfte er sich zurück, wurde vor acht Jahren Chef der Grünen, seit 2013 sitzt er auch wieder im Bundestag.

Spitzenkandidat 2017

Nun steht der nächste Schritt an. Noch hat Özdemir nicht mitgeteilt, ob er Spitzenkandidat der Grünen zur Bundestagswahl 2017 werden will. Beim letzten Mal hatte er Jürgen Trittin den Vortritt gelassen, auch weil er gegen den Linken keine Chance gehabt hätte. Nun erwarten eigentlich alle Grünen, dass er in den kommenden Tagen offiziell erklärt, dass er sie in die Bundestagswahl führen will.

Das Problem ist nur: Özdemir hat Konkurrenz. Mit Fraktionschef Anton Hofreiter und dem schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck haben schon zwei gewichtige Grüne ihre Kandidatur erklärt – und es gibt nur einen Männerplatz im Kandidatenduo,  mit dem die Partei im Bundestagswahlkampf für sich wirbt. Also läuft es wohl auf einen Mitgliederentscheid heraus.

Und der wird spannend. Während Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt als weiblicher Part gesetzt scheint, rangeln vor allem die beiden Realpolitiker Özdemir und Habeck um die Gunst der Grünen. Und Habeck, der verwuschelt-verschmitzte Sonnyboy aus dem Norden, gilt manchem als frische Alternative zu Özdemir. Auch weil man ihn nicht so auf umstrittene Positionen festlegen kann – noch nicht. Denn inhaltlich trennt Özdemir und Habeck nicht viel, sie würden beide die Partei gerne endgültig für Schwarz-Grün öffnen. Özdemir betonte auf dem Parteitag, er habe Respekt vor Angela Merkels Verhalten in der Flüchtlingskrise, Habeck sagte, er habe "Bock zu regieren."

Im linken Flügel hoffen sie, der zunehmend in sich ruhende Kandidat Hofreiter könne trotz seines stets etwas rumpeligen Auftretens so die Stimmen frustrierter Ur-Grüner an sich binden. Das alles ist noch Zukunftsmusik, der Mitgliederentscheid soll erst im Januar 2017 ausgezählt werden. Doch Özdemir weiß, er muss jetzt den nächsten Schritt gehen. Auch daher feilt er weiter an seinem inhaltlichen Profil. Gerade scheint es zu passen mit den Themen und dem Zeitgeist. Konkurrent Habeck hat da noch ein paar Schritte vor sich.