Nun ist es so, dass seine türkischen Wurzeln auch bei den vermeintlich ach so liberalen Grünen oft als mögliche Last galten – was denken wohl die Bürger darüber, wenn ein "säkularer Muslim" (Özdemir über Özdemir) die Partei vertritt? Niemand weiß das besser als der Grünen-Chef. Inzwischen hat er sich damit abgefunden, dass man aus einem vermeintlichen Makel ein Alleinstellungsmerkmal machen muss. Also gibt er jetzt regelmäßig den "anatolischen Schwaben" (ebenfalls Özdemir über Özdemir).

"Wir müssen aus den Fehlern der Gastarbeiterphase lernen", sagt der Grünen-Chef auf dem Parteitag. Es brauche Sprachkenntnisse für die Flüchtlinge, die kommen, und Arbeitsplätze für sie genauso wie für niedrig qualifizierte Deutsche: Damit "keiner gegen den anderen ausgespielt" werde. Und dann berichtet er noch, wie froh er sei, dass seine Eltern für ihn Nachhilfe organisierten, als er die Fünf in Deutsch nach Hause brachte – "und das nicht nur, weil ich immer schwäbisch schwätzte." Doch auf Dauer müsse solche Integrationsarbeit für alle offen stehen – unabhängig von der Motivation der Eltern.

Özdemir weiß um das Spiel mit Aufmerksamkeit, unter anderem ließ er sich mit einer Hanfpflanze auf seinem Balkon ablichten, um für die Freigabe von Cannabis zu werben. Das Foto ging viral, Özdemir wurde sogar angezeigt, das Verfahren aber eingestellt.

Ein "typischer Özdemir", sagen Parteikollegen dazu. Die politische Biografie des Cem Özdemir ist eine mit Höhen und Tiefen. 2002 legte der Stuttgarter sein Bundestagsmandat nieder, unter anderem weil er privat mit Bonusmeilen flog, die er aufgrund seines Mandats erworben hatte. Nach einer Auszeit in den USA kämpfte er sich zurück, wurde vor acht Jahren Chef der Grünen, seit 2013 sitzt er auch wieder im Bundestag.

Spitzenkandidat 2017

Nun steht der nächste Schritt an. Noch hat Özdemir nicht mitgeteilt, ob er Spitzenkandidat der Grünen zur Bundestagswahl 2017 werden will. Beim letzten Mal hatte er Jürgen Trittin den Vortritt gelassen, auch weil er gegen den Linken keine Chance gehabt hätte. Nun erwarten eigentlich alle Grünen, dass er in den kommenden Tagen offiziell erklärt, dass er sie in die Bundestagswahl führen will.

Das Problem ist nur: Özdemir hat Konkurrenz. Mit Fraktionschef Anton Hofreiter und dem schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck haben schon zwei gewichtige Grüne ihre Kandidatur erklärt – und es gibt nur einen Männerplatz im Kandidatenduo,  mit dem die Partei im Bundestagswahlkampf für sich wirbt. Also läuft es wohl auf einen Mitgliederentscheid heraus.

Und der wird spannend. Während Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt als weiblicher Part gesetzt scheint, rangeln vor allem die beiden Realpolitiker Özdemir und Habeck um die Gunst der Grünen. Und Habeck, der verwuschelt-verschmitzte Sonnyboy aus dem Norden, gilt manchem als frische Alternative zu Özdemir. Auch weil man ihn nicht so auf umstrittene Positionen festlegen kann – noch nicht. Denn inhaltlich trennt Özdemir und Habeck nicht viel, sie würden beide die Partei gerne endgültig für Schwarz-Grün öffnen. Özdemir betonte auf dem Parteitag, er habe Respekt vor Angela Merkels Verhalten in der Flüchtlingskrise, Habeck sagte, er habe "Bock zu regieren."

Im linken Flügel hoffen sie, der zunehmend in sich ruhende Kandidat Hofreiter könne trotz seines stets etwas rumpeligen Auftretens so die Stimmen frustrierter Ur-Grüner an sich binden. Das alles ist noch Zukunftsmusik, der Mitgliederentscheid soll erst im Januar 2017 ausgezählt werden. Doch Özdemir weiß, er muss jetzt den nächsten Schritt gehen. Auch daher feilt er weiter an seinem inhaltlichen Profil. Gerade scheint es zu passen mit den Themen und dem Zeitgeist. Konkurrent Habeck hat da noch ein paar Schritte vor sich.