ZEIT ONLINE: Herr Lindner, wie bewerten Sie das Handeln der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise?

Christian Lindner: Die Bundeskanzlerin verlässt sich darauf, dass die Menschen mit ihrem beeindruckenden bürgerschaftlichen Engagement das anhaltende Staatsversagen schon ausgleichen werden. Das geht nicht auf Dauer. Frau Merkel hat mit ihrem Zick-Zack-Kurs in den letzten Wochen Chaos gestiftet. Deshalb erleben wir einen chaotischen Massenzustrom, über den die Regierung die Kontrolle verloren hat. Deutschland ist solidarisch und wir brauchen sogar Zuwanderung, aber mit klaren Regeln und einer Strategie. Die letzten Wochen werden einmal als Wendepunkt der Kanzlerschaft von Angela Merkel in die Geschichte eingehen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Lindner: Der Satz "Wir schaffen das" hat mir zuerst gefallen, weil er zu der überwältigenden Hilfsbereitschaft und dem beherzten Anpacken der vielen Freiwilligen passt. Aber eine optimistische Haltung ist für eine Regierungschefin zu wenig. Von der Bundeskanzlerin darf man einen Plan und konkretes Handeln erwarten. Die Anzahl an Asylbewerbern, die jetzt in kurzer Zeit nach Deutschland kommt, können wir auf Dauer nicht stemmen. Die Zahlen müssen sinken. Die Wirtschaftsweisen mahnen ja dieser Tage zudem, dass wir durch die Integration, die Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt und die sprunghaft steigende Nachfrage nach Wohnungen vor großen Aufgaben stehen. Ich habe keinen praktischen Beleg dafür, dass die Dimension der Herausforderung auch nur ansatzweise von der Bundesregierung begriffen wurde.

ZEIT ONLINE: Die Herausforderung ist auch deswegen so groß, weil die anderen europäischen Staaten sich der Mithilfe verweigern.

Lindner: Es ist genau andersherum. Die Kanzlerin hat mit ihren bedingungslosen Willkommensgesten den Eindruck erweckt, die Aufnahmekapazitäten in Deutschland und Europa seien unbegrenzt. Ich bin in Sorge, dass Tausende Flüchtlinge bitter enttäuscht werden, wenn sie die Realität sehen. Überall in Europa fehlt das Verständnis für das, was die Deutschen tun. Selbst das weltoffene und sozialdemokratische Schweden hat eine politische Wende vollzogen. Sie ist in Deutschland überfällig.

ZEIT ONLINE: Der Innenminister versucht inzwischen offenbar unabgestimmt mit der Regierung, das Dublin-Abkommen wieder in Kraft zu setzen. Wie beurteilen Sie das?

Lindner: Kaum etwas ist bei Migration wichtiger als ein klares Regelwerk. Wenn der Innenminister jetzt wieder nach dem Dublin-Abkommen verfährt, ist das ein erster Schritt zur Rückkehr zu einem rechtsstaatlichen geordneten Verfahren. Dass aber die Bundeskanzlerin davon nichts gewusst haben will, zeigt erneut, dass in dieser Regierung aktuell das blanke Chaos herrscht. Die Minister der Union widersprechen sich öffentlich und wissen nicht, was der andere tut – die Minister der SPD sind gleich ganz abgetaucht.

ZEIT ONLINE: Wie stehen Sie zur aktuellen Debatte um den Familiennachzug?

Lindner: Ein pauschales Nein wäre mit unserem Grundgesetz wohl nicht vereinbar. Aber es muss sich etwas am Recht ändern. Wir wollen einen zeitlich befristeten Schutz für Kriegsflüchtlinge. Vergleichbar wurde das auch schon in den neunziger Jahren bei den Balkanflüchtlingen gemacht. Nach unserem Gesetzesvorschlag würden die individuellen Prüfverfahren für Asyl zunächst wegfallen, die Behörden also entlastet. Der Familiennachzug würde verschoben. Kriegsflüchtlinge bekämen Schutz, solange sie nicht zurückkehren können. Wenn dereinst wieder Stabilität in ihrer Heimat erreicht ist, haben sie dorthin zurückzukehren. Durch ein Einwanderungsgesetz sollten sie aber die Chance erhalten, sich in Deutschland für dauerhaften Aufenthalt im Arbeitsmarkt zu bewerben. Das wäre eine pragmatische und humanitäre Antwort, die aber auch die Belastungsgrenze unseres Landes und seine Interessen im Auge behalten würde. Gleichzeitig hätte der Schritt eine hohe symbolische Wirkung und würde die Sogwirkung eindämmen, die Frau Merkels Politik ausgelöst hat.

ZEIT ONLINE: Seit einem Jahr gehen in Dresden und anderen Städten Tausende gegen Flüchtlinge und Eliten auf die Straße, die sich als bürgerlich bezeichnen würden. Wie geht eine liberale Partei damit um?

Lindner:Pegida und die damit verwandten Bewegungen vertreten im Kern ein völkisches Gedankengut. Sie schüren Ängste, tolerieren Ressentiments gegen Minderheiten, demokratisch gewählte Parlamente und freie Medien. Und sie dulden in ihrer Mitte Aufrufe zur Gewalt. Welcher Bürger mit Verantwortungsgefühl lässt sich von einem Lutz Bachmann anführen? Für das Abendland mit Kants Aufklärung und Lessings Ringparabel sind diese Leute die wirklich schlechtesten Verteidiger.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie daran, dass man mit Pegida-Anhängern ins Gespräch kommen muss, um sie wieder für die Demokratie zu gewinnen?

Lindner: Ich spreche jeden Tag mit Menschen, die in Sorge um ihre Zukunft oder unser Land sind. Für Ausfälle wie bei oder im Umfeld dieser Pegida-Kundgebungen gibt es aber keine Entschuldigung. Dem kann man nur entschieden widersprechen.