ZEIT ONLINE: Herr Vogel, Sie haben sehr lange mit Helmut Schmidt politisch zusammengearbeitet. War er Ihnen auch ein Freund?

Hans-Jochen Vogel: Ja, ich habe einen Freund verloren. Wir hatten zunächst ein politisch nahes Verhältnis in der Zeit, als ich in Bonn in seinem Kabinett Justizminister war. Daraus entwickelte sich dann im Laufe der Zeit ein auch persönlich enges Verhältnis, am Schluss war der Begriff Freundschaft durchaus berechtigt. Ich bin sehr sparsam mit diesem Begriff, aber er hat ihn mir gegenüber mehrfach verwendet. Zuletzt sogar in einem Geleitwort, das er mir wenige Tage vor seinem Tod schickte, für ein Buch von mir, das demnächst erscheinen wird.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie persönlich nahegebracht?

Vogel: Das waren die Wochen der RAF-Krise im Herbst 1977. Da konnte ich ihm mit meinen juristischen und verfassungsrechtlichen Argumenten helfen. Meinerseits habe ich ihn in dieser Zeit wegen seiner besonnenen Entschlossenheit mehr und mehr bewundert.

ZEIT ONLINE: Helmut Schmidt galt als harter Krisenmanager. Haben Sie ihn in dieser Zeit auch zweifelnd und ratlos erlebt?

Vogel: In den beiden Krisenrunden, die es damals gab, war er sehr offen für Vorschläge, Einwände und Widersprüche. Er hat dazu geradezu herausgefordert. Ihm wird ja nachgesagt, dass er autoritär aufgetreten ist. Aber in diesen Krisenstäben war davon gar keine Rede. Er hat zugehört, er hat abgewogen und sich um einen Konsens bemüht, der dann von ihm auch jeweils herbeigeführt worden ist. Er hat sich mit den Entscheidungen sehr schwer getan, nicht nur im Fall Schleyer …

ZEIT ONLINE: … dem von der RAF entführten Arbeitgeberpräsidenten.

Vogel: Aber was ihn besonders umgetrieben hat, war die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut. Da ging es zuletzt in Mogadishu um 96 Menschenleben, und niemand konnte gewährleisten, dass sie alle überleben würden. Da habe ich in all den vielen Jahren auch das einzige Mal Tränen bei ihm gesehen. Es gab eine Standleitung zwischen dem Flughafen-Tower in Mogadishu und dem Kanzleramt. Man hatte dort in einem Raum zwei Liegen aufgestellt, damit man sich etwas ausruhen konnte. Denn wir waren ja 24 Stunden am Tag im Einsatz. Und da wurde Helmut Schmidt gebeten, in diesen Raum zu kommen, weil Hans-Jürgen Wischnewski, der die Befreiungsaktion leitete, an der Leitung sei. Ich hatte mich gerade auf einer der Liegen ausgestreckt und hörte dann die berühmten Worte von Wischnewski "The work is done" – der verabredete Code, dass alle Geiseln befreit waren. Und da stiegen Helmut Schmidt Tränen in die Augen. Ich konnte das gut verstehen, denn die Anspannung war riesengroß gewesen.

ZEIT ONLINE: Helmut Schmidt wurde, je älter er wurde, von den Deutschen tief verehrt, fast wie ein Popstar. Was machte ihn so besonders?

Vogel: Das Besondere an ihm war, dass die Menschen ihm vertrauten. Sie wussten, dass er über eine ungeheure Erfahrung verfügte, die sich im Laufe seines langen Lebens noch ausweitete, nicht nur was Deutschland betraf, sondern auch Europa und die ganze Welt. Dazu kam die Klarheit, mit der er sprach und schrieb, und die Art, wie er auftrat. Er konnte Analysen verständlich machen und die Schlussfolgerungen, die er daraus zog. Und natürlich hat ihm auch geholfen, dass er keine Entscheidungen mehr zu treffen hatte. Das, was er sagte, hatte keine konkreten Folgen. Das macht es für einen ehemaligen Politiker leichter als für einen aktiven. Nicht zu vergessen, dass ihn immer Rauschwaden umgaben, fast wie eine spezielle Form eines Heiligenscheins.

ZEIT ONLINE: Als Kanzler wurde Helmut Schmidt geschätzt und respektiert, aber nicht bewundert. Das kam erst, als er Elder Statesman war. Wie erklären Sie sich das?

Vogel: Das wird eben damit zusammenhängen, dass er keine streitigen Entscheidungen mehr zu treffen hatte. Und es wurde ihm mehr und mehr Altersweisheit zugebilligt.

ZEIT ONLINE: Ist Helmut Schmidt einer der ganz großen Kanzler der Bundesrepublik?

Vogel: Ja, das ist er, ganz ohne Zweifel.