Philipp Wolff passt auf. Das ist sein Auftrag, deswegen ist er hier. Der Untersuchungsausschuss zu NSA und BND tagt, wenn im Bundestag Sitzungswoche ist. Immer donnerstags und meist bis spät in die Nacht. Philipp Wolff ist stets dabei.

Wolff repräsentiert dort die Bundesregierung. In jeder Sitzung meldet er sich zu Wort. "Bitte keine Einzelheiten." "Zu den einzelnen Operationen bitte ich, nur in eingestufter Sitzung auszusagen." "Bitte keine ausländischen Namen." Er ist einsilbig, aber bestimmt. Bei Äußerungen, von denen er glaubt, dass sie nicht in die Öffentlichkeit gehören, interveniert er bis zur Albernheit. "Bitte keine Inhalte aus dem Vertrag, auch wenn es um ihre Erinnerung geht." "Die Einzelheiten sind eingestuft. Dazu bitte nur nicht öffentlich." "Das ist nicht Teil des Untersuchungsgegenstandes." "Das ist eingestuft." Die Worte variieren, die Aussage ist immer die gleiche: Das ist geheim.

Wolff ist der Türsteher, an dem jeder vorbei muss, der mit der wohl größten Spionageaffäre der Bundesrepublik etwas zu tun hat. Er ist für die Untersuchung der Spähaktionen von NSA, BND und Verfassungsschutz wichtiger als all die Spione, Generäle und Beamten, die von den Abgeordneten des Bundestages in stundenlangen Sitzungen verhört werden. Wolff herrscht über Akten und Zeugen. Wolff ist einer der Schlüssel, um den Geheimdienstskandal zu verstehen.

Schmaler Mund, ergrauende Haare, Nickelbrille – Wolff sitzt gerade. Und er ist immer freundlich, immer höflich. Als maximale Ablenkung erlaubt er sich gelegentlich, von einer Schwarzbrotstulle abzubeißen.

Wolff spricht im Namen der Regierung, aber Journalisten dürfen mit ihm offiziell nicht reden. Eine entsprechende Frage lehnt das Bundespresseamt brüsk ab mit der Begründung: Für die Bundesregierung spricht nur der Regierungssprecher. Wolff selbst verspricht mehrmals, die Bitte nach einem Gespräch "mitzunehmen" und grüßt bei Begegnungen stets freundlich. Aber er sagt darüber hinaus kein Wort.

Grundsätzlich soll das Parlament die Bundesregierung kontrollieren: mit Fragen und Anträgen, zur Not mit einem Untersuchungsausschuss. Die Abgeordneten dürfen Beweise erheben, Zeugen vorladen, bis dahin verborgene Bereiche öffentlich diskutieren. Parlamentarier vergleichen die Arbeit eines Untersuchungsausschusses daher gern mit einem Gerichtsverfahren, doch das stimmt nicht, denn die Regierung entscheidet in so einem Ausschuss, wie viel die Abgeordneten wirklich erfahren.

Wenn der aktuelle NSA-Ausschuss Beweise sehen will, schickt er einen entsprechenden Beschluss an die Behörde, bei der er die Akten vermutet. Die Beamten dort suchen alles zusammen, was sie zum Thema finden, doch schicken sie es nicht in den Bundestag, sondern ins Bundeskanzleramt, an Wolff. Es ist Wolff, der festlegt, welche Dokumente die Abgeordneten letztlich bekommen, die die NSA-Affäre aufklären sollen, die längst auch eine Regierungsaffäre ist. Wolff interpretiert auch, ob ein Beweiswunsch noch im Rahmen des vom Bundestag beschlossenen Auftrags des Ausschusses ist. Er definiert damit, was der Ausschuss ermitteln darf. Seine Interpretation bestimmt, was Ermittler und Öffentlichkeit aus der abgeschotteten Sphäre der Geheimdienste erfahren. 

Und so steht seine Unterschrift auf den Briefen, in denen die Regierung dem Ausschuss mitteilt, warum er angeforderte Beweise mal wieder nicht erhält. Oder warum Unterlagen mal wieder nur im sogenannten Treptow-Verfahren herausgegeben werden, was bedeutet, dass die Obleute der vier Fraktionen ins Bundeskanzleramt dackeln müssen, um sie unter Aufsicht der Regierung die Akten anzusehen – wobei sie nichts daraus abschreiben und nicht darüber reden dürfen.

So wenig wie möglich preisgeben

Wolff gilt als sehr kollegial, als geradezu nett, aber Spielraum hat er in seiner Funktion nicht. Es gibt detaillierte Dienstanweisungen, was in Akten zu schwärzen ist und was Zeugen sagen dürfen. Wolffs Auftrag ist es, diese Anweisungen umzusetzen: Er soll dafür sorgen, dass nicht zu viel über die Geschäfte von Bundesregierung und Geheimdiensten an die Öffentlichkeit dringt. Und er nimmt seinen Job ernst. Er glaubt offensichtlich daran, dass die Bundesregierung ihre Interessen schützen muss.

Die Sitzungen des seit fast zwei Jahren ermittelnden Untersuchungsausschusses folgen starren Regeln: Im unteren Rund des Europasaals des Paul-Löbe-Hauses sitzen die Abgeordneten. Im Zentrum, ihnen gegenüber, befinden sich der Zeuge und sein Anwalt, der ihn im Zweifel beraten soll. Und an der Seite, links vom Zeugen, sitzt eine ganze Phalanx von Mitarbeitern der Ministerien und Dienste. Zehn, manchmal zwanzig Leute reihen sich dort auf, einige davon in Uniform: Kanzleramt, Verteidigungsministerium, Innenministerium, Auswärtiges Amt, Wirtschaftsministerium ... Sie alle schicken Beamte, die den langen Befragungen folgen. Unaufgefordert reden aber dürfen in dem Saal nur zwei Menschen: Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, der CDU-Abgeordnete Patrick Sensburg, und Wolff.

Zeugen schauen hilfesuchend zu Wolff

Andere auf der Regierungsbank spielen in den stundenlangen Sitzungen mit ihren Handys, lesen Akten, tippen auf ihren Laptops. Wolff hört zu. Manchmal lächelt er milde, meistens aber schaut er den gerade Sprechenden nur an. Wenn Wolff mal kurz in die Luft guckt oder aus den großen Fenstern des Europasaals, dann erzählt der Zeuge gerade garantiert nichts Spannendes. Droht ein Befragter hingegen, auch nur eine Winzigkeit zu viel zu verraten, bewegt sich Wolffs Zeigefinger in Richtung des Mikrofonknopfes vor sich auf dem Tisch. Will ein Abgeordneter zu viel wissen, fällt Wolff ihm ins Wort. Ist sich ein Zeuge nicht sicher, was er sagen darf und was nicht, schaut er hilfesuchend zu Wolff.

Wolff ist 43 Jahre alt, verheiratet, er hat Kinder. Nach seinem Jurastudium war er Staatsanwalt in München, anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht, beim Zweiten Senat, der sich vor allem um das Staatsrecht kümmert. Und er war, wie es aus seiner Umgebung heißt, zwischendurch wohl auch mal beim Bundesnachrichtendienst.

Heute ist Wolff Regierungsdirektor, die ersten Stufen der höheren Beamtenlaufbahn hat er damit bereits hinter sich. Er arbeitet im Bundeskanzleramt in der Abteilung 6, die den Bundesnachrichtendienst überwachen soll. Er ist dort schon einige Jahre. Was bedeutet, dass er in viele der Vorgänge und Spionageoperationen, die der Ausschuss des Bundestages nun untersuchen soll, selbst verwickelt war. Seit es den Ausschuss gibt, ist Wolff im Kanzleramt für ihn zuständig. Er hütet also auch seine eigenen Geheimnisse, wenn er reglementiert, was die BND-Leute vor dem Bundestag aussagen und was nicht.

Dabei macht er keine Kompromisse. Auch wenn Dinge schon längst in Zeitungen standen, wenn alle sie wissen – im Ausschuss darf sie keiner beim Namen nennen, wenn sie geheim gestempelt sind. Dort darf niemand die CIA-Operation Glotaic so nennen, sie müssen alle "Glo-Punkt-Punkt-Punkt" sagen, weil nur diese Bezeichnung in den Akten freigegeben ist.

In seiner Kompromisslosigkeit ist Wolff der sichtbare Ausdruck einer Haltung, die nicht politisch denkt, sondern bürokratisch. Das Kanzleramt wägt nicht ab, wie groß der politische Schaden einer Äußerung wäre und wie groß der gesellschaftliche Nutzen wäre, den eine Aufklärung bringen würde. Gesetz ist Gesetz und geheim bleibt geheim. Und was geheim ist, bestimmt allein die Regierung. Sie legt die Regeln fest. Wolffs Haltung kennt daher nur eine Richtung: so wenig wie möglich preisgeben.