Plenardebatten im Bundestag haben immer auch etwas von Pausenhof: Emsiges Kommen und Gehen, jemand spielt auf dem Handy, es wird gelästert und geschimpft. Oft erbittert, ernst gemeint ist es selten. Anders sieht es aus, wenn über etwas debattiert wird, auf das sich eigentlich alle einigen können – und das deshalb jeder für sich beansprucht. Dann wird es bisweilen hässlich.

Solidarität zum Beispiel findet jeder gut. Alle sind gegen den IS-Terror, alle fühlen mit Frankreich. Die Linke versteht unter Solidarität aber etwas anderes als die Regierungsparteien. Denen geht es vor allem um Bündnissolidarität. Das stellt auch ihre Abgeordneten vor ein Dilemma: Was ist wichtiger, eigenes Gewissen oder Fraktionsdisziplin? Wenn es solch innere Zerrissenheit gibt, werden die Stimmen umso lauter. So auch am heutigen Freitag, bevor der Syrien-Einsatz vom Bundestag beschlossen wurde – im "Tornado-Tempo", diesen Kalauer konnte man sich bei der Linkspartei nicht verkneifen.

77 Minuten Debatte waren angesetzt, und für Höflichkeiten blieb dementsprechend wenig Zeit: Es war nicht nur hitzig, es wurde persönlich. Man schimpfte einander peinlich, heuchlerisch, herzlos. Sprach den einen den Verstand ab, den anderen die Menschlichkeit. Nicht ohne Unterhaltungswert: SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich, der sich sogar selbst als "zerrissen" zwischen den Argumentationsfronten zu erkennen gab, zitierte mit Genuss aus Tweets von Linken-Abgeordneten, in denen sie den bewaffneten Kampf der Kurden gegen den "Islamischen Staat" (IS) feierten. Dabei hätte Deutschland ja auch schon geholfen, oder etwa nicht?

Hat die gerade "Mord" gesagt?

Die Linksfraktion wehrte sich. Die Stenografen des Bundestags blickten irgendwann nicht mehr in die Reihen, sondern einander ratlos ins Gesicht, so viele Zwischenrufe flogen nach vorn. Sahra Wagenknecht demonstrierte, dass auch nach dem Abgang Gregor Gysis als Vorsitzender der Linksfraktion aus deren Reihen deftige Rhetorik zu erwarten sein wird: "Wollen die Krieg führenden Staaten wirklich in einen Wettstreit mit dem IS treten, wer sich aufs Morden besser versteht?" Die Unionsseite musste da erst mal nach Luft schnappen: Hat die gerade "Mord" gesagt?

Es hatte etwas von gegenseitigem An-den-Haaren-Ziehen: Fing eine Seite an, der Gegenseite wehzutun, riss die derart gepiesackte umso heftiger an der hübsch aufgewickelten Argumentation der anderen. Eine andere Strategie: Das lässige Wegwischen jeglicher Kritik, vorgeführt von Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Der erklärte in Richtung Linksfraktion in freundlichem Singsang, es sei letztlich egal, ob mancher sich nicht ausreichend informiert fühlte: "Sie werden sowieso nicht zustimmen." Genug Zeit für Fragen habe es in den Ausschüssen gegeben. Klar könne die Opposition vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, wenn sie denn einen Weg fände: "Wir sind da ganz gelassen."

Als ob sie die ernsthafte Hoffnung hätten, mit ihren Reden noch Kollegen umstimmen zu können, versuchten einige Redner es mit Eindringlichkeit. Britta Haßelmann von den Grünen appellierte an das Ego ("Wir sind doch alle selbstbewusste Abgeordnete. Wo bleibt da eigentlich ihr Standing, verdammt noch mal?"), Norbert Röttgen (CDU) an das Mitgefühl, indem er bat, man solle sich doch mal in die Lage eines Mädchens versetzen, das täglich Brutalität und Terror unter dem IS erlebe: Da brauche es schon "verdammt gute Argumente" für eine Gegenstimme. Aufklärung nicht für Bomben, sondern für Freiheit und Menschenrechte, auch das ein wichtiger Baustein der Argumentationsschiene der Union, dessen man sich offenbar immer wieder selbst vergewissern musste.