Als Angela Merkel am Montag nach ziemlich genau einer Stunde ihre Rede auf dem CDU-Parteitag beendet hat, erheben sich die 1.000 Delegierten in der Halle in Karlsruhe zu minutenlangem Applaus. Immer wieder muss Merkel von ihrem Platz auf dem Podium in die Mitte der großen Bühne zurückkehren; sie winkt in Runde, verneigt sich. Irgendwann sieht sie dabei tatsächlich ziemlich ergriffen aus, fast scheint es, als hätte sie Tränen in den Augen.

Viel ist in den vergangenen Monaten darüber geredet und geschrieben worden, dass Merkel ihre Partei nicht mehr verstehe und die Partei ihre Chefin nicht. Ihr liberaler, auf europäische Lösungen ausgerichteter Kurs in der Flüchtlingspolitik schien die Partei zu spalten. In der Union rumorte es. Merkels Autorität als Parteichefin und Kanzlerin stand infrage.

Und nun? Feiert die CDU ihre Vorsitzende und Kanzlerin, wie sie es lange nicht getan hat. Dass von dem Parteitag ein Signal der Geschlossenheit ausgehen solle, war der Wunsch der Parteispitze. Dass die Delegierten diesem so eindeutig nachkommen würden, war allerdings alles andere als sicher.

Ein Erfolg ihrer Rede? Zu einem erheblichen Teil jedenfalls. Merkel hält eine ihrer besten Reden seit Langem: entschlossen, engagiert, überzeugend. Sie hatte ganz offensichtlich ihre Lektion vom CSU-Parteitag vor drei Wochen gelernt. Sie nehme die Stimmung im Saal nicht auf, hieß es damals. Dies sei einer der Gründe gewesen, warum sich anschließend kaum eine Hand zum Beifall regen wollte. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren.

Vor ihrer eigenen Partei gibt Merkel sich deswegen kämpferisch. Immer wieder benutzt sie die Fäuste, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Und sie spricht offen die beiden neuralgischen Punkte an, die viele ihr in der Flüchtlingspolitik vorwerfen: Die Grenzöffnung für Flüchtlinge aus Ungarn am 5. September und ihren Grundoptimismus. CSU-Chef Horst Seehofer hatte die Grenzöffnung als "schweren Fehler" gebrandmarkt und damit auch vielen CDU-Leuten aus der Seele gesprochen. Merkel verteidigt jetzt ihre Entscheidung: Diese sei "nicht mehr und nicht weniger als ein humanitärer Imperativ" gewesen, sagt sie. Sie hätte auch sagen können: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Punkt. Und sie bekommt dafür Beifall.

Auch ihren berühmten Satz "Wir schaffen das" wiederholt sie gleich mehrfach. Vielen in der Partei gilt diese Äußerung mittlerweile als ein CDU-internes Unwort des Jahres. Doch Merkel stellt die Gegenfrage. Was hätte sie denn sonst sagen sollen? "Ich kann das sagen, weil es zur Identität unseres Landes gehört, weil es uns als christliche Demokraten auszeichnet, zu zeigen, was in uns steckt", versucht sie die Skeptiker zu überzeugen.

Merkel bindet Kritiker bewusst ein

Manch einer ihrer Kritiker wirft ihr in diesen Tagen vor, die CDU ein weiteres Mal, nach all den anderen Reformen, die sie der Partei schon aufgenötigt hat, von ihren Grundprinzipien zu entfremden. Es sei schon ein fundamentaler Politikwechsel, dass die CDU das Wort "begrenzen" nicht mehr benutze, sagt zum Beispiel der Innenpolitiker Wolfgang Bosbach am Rande des Parteitags. Schließlich habe die CDU doch jahrelang für eine Begrenzung der Zuwanderung gekämpft.

Merkel dagegen versucht, ihre Politik gerade aus der Tradition der Partei zu erklären, und bemüht dabei sämtliche Parteigrößen von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl. So wie diese die großen Aufgaben ihrer Zeit, die Westintegration der jungen Bundesrepublik und die deutsche Einheit, bewältigt hätten, so müsse die CDU von heute mit dem gleichen Optimismus die Flüchtlingskrise angehen.

Kritiker bindet Merkel bewusst ein. Die Junge Union, die einen viel schärferen Kurs in der Flüchtlingspolitik gefordert hatte, lobte sie. Mit ihrem Vorstoß habe sie dafür gesorgt, dass man in dem Leitantrag zur Flüchtlingspolitik nun noch stärker auf die Sorgen der Menschen eingehe. Und sie bemüht sich auch, die Differenzen zur CSU kleinzureden. Beide Unionsparteien gehörten zusammen, egal "wie mancher Parteitag mal so läuft".