ZEIT ONLINE: Herr Zick, seit Jahresbeginn beobachten wir einen starken Anstieg gewaltsamer Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. Recherchen von ZEIT ONLINE und DIE ZEIT haben ergeben, dass kaum eine dieser Taten von den Behörden aufgeklärt werden kann. Polizisten und Staatsanwälte sagen, dass viele Menschen die Taten durch Stillschweigen gutheißen. Gibt es eine Art gesellschaftlichen Unterstrom, der den Tätern den Eindruck vermittelt, etwas auszuführen, was eine schweigende Mehrheit der Bevölkerung will?

Andreas Zick: Die Antwort ist nicht einfach. Wir haben es mit unterschiedlichen Taten und Tätergruppen zu tun. Die Annahme, dass es ein soziales Umfeld gibt, welches die Tat klammheimlich durch Vorurteile rechtfertigt oder durch Schweigen und Ignoranz unterstützt, trifft aber auf die meisten Hasstaten zu.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Leute, die Flüchtlingsunterkünfte angreifen?

Andreas Zick © privat

Zick: Da sind zunächst Rechtsextreme. Sie begehen die Taten vor allem in Gruppen, beziehungsweise einzelne Täter begehen die Taten für die Gruppe oder Bewegung. Solche auf Terror ausgerichteten Täter interessiert die Meinung der Bevölkerung weniger. Sie brauchen ein eigenes Milieu, das sie unterstützt. Allerdings nimmt dort, wo sich rechtsextreme Gruppen festgesetzt haben, die Zivilcourage ab und verschiebt sich die Wahrnehmung davon, was "normal" ist. Neu ist, dass die Sicherheitsbehörden beobachten, dass inzwischen auch bisher unbescholtene oder nicht einem extremistischen Milieu zugeordnete Personen Asylbewerberunterkünfte angreifen. Bei diesen Tätern spielt eine wesentliche Rolle, ob sie sich in ihrer Haltung von ihrer Umwelt bestätigt fühlen. Offensichtlich ist die bislang eher aus dem rechtsextremen Spektrum bekannte Propaganda, man würde die Volksmeinung vollstrecken, in die Mitte gerückt. In unserer jüngsten repräsentativen Umfragestudie aus dem vergangenen Jahr antwortet fast jeder fünfte Befragte, dass die Wut der Bürger auf die Zuwanderung verständlich ist.

ZEIT ONLINE: Solche Täter stammen also aus der Mitte der Gesellschaft?

Zick: Ja. Wir haben schon vor mehr als einem Jahr vor einer Radikalisierung unter rechtspopulistisch orientierten "Normalbürgern" gewarnt. Wir meinten eine Radikalisierung in den Einstellungen, die dann zu Taten drängt. Das war unübersehbar, denn für Pegida und andere rechtspopulistische Gruppen waren und sind aggressive und menschenverachtende Taten Teil der Identität. Diese Leute schreiten jetzt  zur Tat, weil sich Gruppen wie Pegida und andere zunehmend abschotten und sozial verbindliche Normen der Gesellschaft sie deshalb nicht mehr erreichen. Unter Menschen, die rechtspopulistische Einstellungen teilen, ist die Gewaltbereitschaft und -billigung höher als in der Durchschnittsbevölkerung.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die staatlichen Ermittler?

Zick: Die Behörden müssen im Vorfeld sensibler sein und die Prävention stärken. Sie müssen die Symbole und Sprache besser lesen. Ich bin aber der Meinung, dass wir als Zivilgesellschaft den Behörden nicht alles überlassen dürfen. Wir müssen schon selbst wehrhaft sein. Es gibt viele Nichtregierungsorganisationen, die wissen, was sich am Ort abspielt und wie die Gefahrenlage tatsächlich ist.

ZEIT ONLINE: Gibt es eine Grenze, die diese Täter nicht überschreiten?

Zick: Jede Hasstat wird heute in den Communitys kommentiert und danach geprüft, wie tauglich sie als Vorbild ist. Aus Sicht der Radikalisierungsforschung muss ich sehr zynisch antworten: Wenn der erste historische Mord nach dem Beginn von Pegida sich für die Community wie eine Heldentat feiern lässt, dann wird es Nachahmungstaten geben. Bei den Brandanschlägen ist das schon der Fall.

ZEIT ONLINE: Welche Signale müsste der Staat setzen, um präventiv gegen solche Taten vorzugehen: mehr Polizisten vor die Unterkünfte schicken?

Zick: Es sind doch schon alle Unterkünfte bewacht. Die Stärkung der zivilen Helferinnen und Helfer ist das beste Schutzschild. Pro Asyl, die Amadeu Antonio Stiftung und andere haben Maßnahmenpakete vorgeschlagen, die man umsetzen kann. Langfristig schützen die dezentrale Unterbringung, die frühe Integration in Nachbarschaften, der Aufbau positiver Kontakte und die gesellschaftliche Beobachtung und Repression von Vorurteilen am besten.

ZEIT ONLINE: Welche gesellschaftlichen Signale könnten helfen – neue Lichterketten?

Zick: Die große Hilfe für die Flüchtlinge, die wir gerade erleben, ist ein extrem starkes Zeichen, das international hohe Anerkennung findet. Eigentlich müsste man ja langsam mal eine Lichterkette für die Helferinnen und Helfer aufstellen, die nicht nur angegriffen werden, sondern trotzdem weitermachen, auch wenn manche Politiker sagen, dass sie es nicht mehr lange durchhalten. Ob das der Fall ist, sollte man die Leute selbst fragen. Jede Kommune, Gemeinde und Nachbarschaft kann eigene Zeichen suchen und setzen. Ich denke, es wäre auch an der Zeit, die Menschenfeindlichkeit deutlicher zu beobachten und ernster zu nehmen. Lichterketten helfen, aber hinter den Gardinen grassieren Vorurteile bei Menschen, die kein Licht mehr sehen.

Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte

Der Stand der Recherche ist 10. November 2015. Klicken Sie auf einen der Punkte, um Details über den Fall zu erfahren.

ZEIT ONLINE: Vor einem Jahr sahen wir große Gegendemonstrationen gegen Pegida und deren Ableger. Jetzt nicht mehr. Sind die Aktivisten alle mit der Flüchtlingshilfe  ausgelastet und haben keine Zeit für Protest?

Zick: Das ist meist der Fall. Die aktive Zivilgesellschaft, die geflüchteten und asylsuchenden Menschen helfen möchte, muss derzeit oft beides tun: in den Unterkünften helfen und draußen gegenhalten. Man muss sie entlasten. Die Strategie der Asylgegner ist klar: durchhalten und so lange den Raum besetzen, bis er asylfrei ist. Vielleicht ist es wieder an der Zeit für kreativere Strategien, die weniger Menschenmengen brauchen.

ZEIT ONLINE: Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen, die ja auch objektiv Schwierigkeiten bereiten: Müssen wir uns daran gewöhnen, dass die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen härter werden?

Zick: Ich glaube, wir haben uns schon daran gewöhnt, sonst würden die Radikalisierungsprozesse nicht zunehmen und die massiven Hasstaten zu mehr Unruhe führen. Die Frage ist letztlich, wer das "Wir" überhaupt ist und wovon ein "Wir" zusammengehalten wird. Das moderne Deutschland ist ein zerrissenes Land mit vielen Gruppen, die vollkommen unterschiedliche Interessen haben und offensichtlich nicht darauf eingestellt sind, Konflikte ohne Gewalt auszutragen. Insofern wird es härter werden, weil das Land die Macht der Vorurteile und Ausgrenzungen falsch eingeschätzt hat. 

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In der ZEIT Nr. 49 vom 03.12.2015 finden Sie eine Übersicht der Angriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland sowie Einblick in die Arbeit der Polizei. Warum kommen so viele Täter davon? Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.