Said holt das Smartphone aus der Tasche seiner braunen Jacke, schaut auf den Bildschirm und erstarrt. Für einen Moment verschwindet jeder Ausdruck aus seinem Gesicht, sein Blick ist wie versteinert. Mohamed neben ihm hält die Luft an. "Afghanistan", sagt er nur und zeigt auf Saids Smartphone. Dort ist ein blutüberströmtes Kind zu sehen, der Körper zerfetzt.

Mohamed und Said sind gemeinsam mit ihren Familien vor dem Krieg in Afghanistan geflohen, vor der grausamen Realität dort. Jetzt sitzen beide in einem Frankfurter Imbiss. "Es ist gut, in Sicherheit zu sein", sagt der 29-Jährige. "Auch wenn es hier sehr schwierig ist."

Seit vier Monaten sind sie in Deutschland, seit gut zwei Wochen leben sie in einer Notunterkunft im Frankfurter Stadtteil Ginnheim. In mehreren Turnhallen der Universität, wo vorher Studenten Yoga übten und Badminton spielten, schlafen jetzt 170 Flüchtlinge. "Es ist nicht gut hier, viel schlimmer als in der Unterkunft, in der wir vorher waren", sagt Said. "Es gibt wenig zu essen, wir werden nicht satt. Abends bekomme ich manchmal nur eine Scheibe Brot und eine halbe Tomate." Die Klos seien verdreckt und meist verstopft. "Oft kann niemand auf die Toilette gehen, weil das Wasser überläuft", erzählt Mohamed. Die Brühe fließe dann bis in den benachbarten Duschraum. "Manchmal können wir vier Tage nicht duschen." Mehrere Flüchtlinge und ein Mitarbeiter der Einrichtung, der anonym bleiben will, bestätigen die Erzählungen von Said und Mohamed.

Etwa eine Million Geflüchtete haben in diesem Jahr Deutschland erreicht – und fast alle müssen versorgt und untergebracht werden. Dass es dabei nicht immer reibungslos zugeht, ist klar. Doch die Berichte über katastrophale Unterbringungen reißen nicht ab. Oft gelangen kaum gesicherte Informationen nach draußen, denn viele Unterkünfte werden von Sicherheitsdiensten abgeriegelt, so wie in Frankfurt. Die Behörden lassen Außenstehende nicht hinein.

Uli Tomaschowski weiß trotzdem, wie es hinter den verschlossenen Türen aussieht. Er hat den Kontakt zu Said und Mohamed hergestellt. Vor zweieinhalb Jahren gründete Tomaschowski die Teachers on the Road, eine Gruppe von mehreren hundert Aktivisten, die Geflüchteten Deutschkurse anbietet. "Wir wollen die Isolation der Menschen durchbrechen", sagt der 43-Jährige, der mit seinen Mitstreitern etwa 50 Sammelunterkünfte besucht hat, vor allem in Hessen und Rheinland-Pfalz. Dort haben sie Flüchtlinge interviewt und eine Bestandsaufnahme gemacht: Wie sind die Menschen untergebracht? Gibt es ausreichend medizinische Versorgung und Zugang zu Bildung? "Die Situation hat sich seit August 2015 dramatisch verschärft", bilanziert Tomaschowski. "Das betrifft die Enge, die schlechte medizinische Behandlung und den fehlenden Zugang zu Bildung, aber auch die teils völlig unzureichende Lebensmittelversorgung."

Als im Sommer – unter dem Jubel vieler Helfer – täglich bis zu 10.000 Flüchtlinge ankamen, war bundesweit bald von einem Notstand die Rede. Eilig wurden Zelte und Container aufgestellt, erste Turnhallen und Gewerberäume zu Massenunterkünften umfunktioniert. Viele Menschen mussten ohne Privatsphäre auf wenigen Quadratmetern leben, die Berichte über Unterversorgung, Übergriffe und Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen häuften sich. Das alles sollte sich aber bald ändern, versprachen die Verantwortlichen – schließlich waren die Provisorien als Übergangslösung gedacht, als Reaktion auf den Notstand. Doch obwohl sich die Zahl der eintreffenden Flüchtlinge inzwischen auf knapp 3.000 pro Tag reduziert hat, ist der Notstand geblieben.

Die Ausnahme ist zur Regel geworden

In Frankfurt leben derzeit mehr als 4.000 Flüchtlinge, über 1.000 davon in Turnhallen. Eigentlich waren die nur als vorübergehende Unterkunft gedacht, schließlich werden sie für die Schulen und Sportvereine benötigt. Doch ein Ende ihrer Belegung ist nicht in Sicht. "Wir wollen die Menschen dezentral unterbringen, aber das ist aufgrund der hohen Zahlen kurzfristig nicht immer möglich", sagt eine Sprecherin des Frankfurter Sozialdezernats. Zu den Zuständen in Ginnheim sagt sie: "Es gibt dort drei Mahlzeiten pro Tag, wir haben das geprüft und konnten keine Beanstandung feststellen." Zu den Sanitärräumen könne sie nichts sagen, man werde aber eine Prüfung anordnen.

Das grundsätzliche Problem jedoch bleibt, wie auch eine kürzlich von der Robert-Bosch-Stiftung veröffentlichte Studie zur Flüchtlingsunterbringung feststellt: "Noch immer werden Asylsuchende mehrheitlich in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht", obwohl hierzu keine gesetzliche Verpflichtung bestehe. Und weiter: "Nicht in allen Bundesländern gibt es Mindeststandards, die die Ausstattung von Gemeinschaftsunterkünften festlegen." Vielerorts sind Notunterbringungen mit geringeren Standards Normalität geworden. Das Land Berlin hat 25.000 seiner 40.000 Flüchtlinge in Notunterkünften untergebracht, in Nordrhein-Westfalen sind es fast drei Viertel der Geflüchteten. Zudem schlafen viele Flüchtlinge immer noch in Zelten, in Hessen etwa 1.900, in Sachsen sind es gar über 2.000, mehr noch als im Oktober. Die Ausnahme ist zur Regel geworden.