Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Wenn sich Zeitgenossen abwertend über den Islam und die Muslime äußern, bekommen sie alsbald Schützenhilfe von mutigen Zeitgenossen. Gemeinsam entwickeln sie eine Wagenburgmentalität und treten ihre Opfer-Narrative breit, wonach man sich nicht mehr kritisch und offen äußern dürfe. Auf mich wirkt das inzwischen wie ein gutes altes Ritual, das sich seit langem immer wieder beobachten lässt.


Als sich Ralph Giordano, der inzwischen verstorbene Schriftsteller, einst im Kampf gegen die "Großmoschee" in Köln ins Zeug legte und dabei schon mal Frauen mit Kopftuch als "menschliche Pinguine" diffamierte, bekam er alsbald prominente Unterstützung von ebenso "islamkritischen" oder sagen wir ruhig "islamfeindlichen" Aktivisten. Als Thilo Sarrazin damals seine verschwurbelten pseudowissenschaftlichen Ausführungen über die Minderwertigkeit von Muslimen breittrat, fand er engagierte Mitstreiter, die ihn verteidigten und ein bisschen von seinem Ruhm abhaben wollten. Heute konzentrieren sich die Verteidiger auf den Autor Hamed Abdel-Samad, der mittlerweile den Pfad der Islamkritik verlassen hat und – bewusst oder unbewusst - überwiegend nur noch die Stimmungsmache gegen Muslime betreibt.

Man fragt sich, warum fühlen sich diese "Kritiker" quasi in Form eines eingeschworenen Geheimzirkels immerzu berufen, einander zu verteidigen? Warum muss überhaupt verteidigt werden? Und warum geht es immer um den Islam? Warum beobachtet man selbiges nicht bei Literaturkritikern? Möglicherweise weil die "Kritik" einfach über das Ziel hinausschießt?


Vereinnahmung von rechts

Diese Strategien der "Islamkritiker" sind heute allzu durchschaubar geworden und führen letztlich immer dazu, dass rechtspopulistische oder rechtsextreme Claqueure sich bestätigt sehen. Ralph Giordano wurde nach seinen Äußerungen von der Partei Pro Köln vereinnahmt (auch wenn er sich dagegen wehrte), Thilo Sarrazin wurde zum Hoffnungsträger all derjenigen, die sich die Gründung einer erfolgreichen neuen Rechtspartei wünschten (auch wenn er den Avancen widersteht) und Hamed Abdel-Samad wird heute vor allem von der AfD und deren Anhang als Gewährsmann benutzt und gerne zu öffentlichen Veranstaltungen gebeten.

In seriösen Debatten spielen diese Leute dagegen so gut wie keine Rolle. Warum? Weil sich aus ihren Beiträgen einfach nichts Konstruktives ziehen lässt. Ihre Äußerungen sind geprägt von ideologischen Zielen und Provokationen. Aktivisten, wie zum Beispiel der Somalierin Ayaan Hirsi Ali, geht es offensichtlich nur um Zuspitzung, Übertreibung, Pauschalisierung und Diffamierung. Und damit sind solche Schriften inhaltlich überflüssig und vor allem eines: unnütz.

Schießen ihre Thesen nicht über das Ziel hinaus, sind sie alles andere als neu. Selbst Hamed Abdel-Samads Verteidiger räumen ein, dass der Kern seiner "Kritik" sehr alt ist. Nun, das ist die Krux mit solchen Büchern: Laien oder Apologeten halten sie für bahnbrechend, dabei ist vieles bereits seit Langem Gegenstand von Kontroversen oder sogar längst abgehandelt. Da solche sachlichen Diskussionen aber nüchterner geführt werden, kennen sie eben nur Leute, die sie auch kennen wollen.

Der IS ist keine religiöse Bewegung

Ein Beispiel: Niemand von geringstem Sachverstand hat jemals und würde jemals die Gewalt im frühen Islam und die Gewalt, die vom Propheten Mohammed ausging oder von ihm gutgeheißen wurde, verleugnen. Um auf die Existenz dieser Gewalt hinzuweisen braucht es keine "Islamkritiker". Aber wegen dieser "Islamkritiker" mit ihren vereinfachten und damit sehr eingängigen Erklärungsansätzen braucht es wiederum viele Leute, die mühsam erläutern müssen, dass die Existenz von Gewalt im Koran kaum etwas über die aktuelle Gewalt unter Berufung auf den Islam aussagt. Der IS ist keine religiöse Bewegung, sondern eine politische. Eine Bewegung, die von Männern geführt wird, die einst von der politischen Macht im Irak verdrängt wurden.