Nun hat sie den Job, um den sich derzeit wenige in der SPD reißen: Katarina Barley, 47 Jahre alt, Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz, ist vom Parteitag der SPD in Berlin zur neuen Generalsekretärin gewählt worden. Sie wird ab sofort eng mit dem streitbaren Parteichef Sigmar Gabriel zusammenarbeiten und die Aufgabe haben, die 25-Prozent-SPD kampagnenfähig für die nächste Bundestagswahl zu machen.

Beides sind nicht unbedingt Herausforderungen, die zu spontanem Jubel verleiten. An beidem ist ihre Vorgängerin Yasmin Fahimi gescheitert. Barley jedoch – selbst gewähltes Werbemotto: "Erfrischend Politisch" –  hat sichtlich Lust darauf. Sie verfügt außerdem über die Klugheit, und womöglich auch die nötige Lockerheit, in dem Wahnsinn zu bestehen.

Barley ist eine große, stets geschmackvoll und elegant gekleidete Frau. Einen souveränen Auftritt beherrscht sie auch in bisher ungewohnten Situationen: Ihre Bewerbungsrede auf dem Parteitag hält sie mit ausgestreckten Armen auf das Rednerpult gestützt. Sie sucht nicht nach Floskeln, sondern spricht nüchtern an, was sie will: Die Zustimmung zu der guten Politik, die die SPD in der Großen Koalition bisher gemacht habe, bei der nächsten Bundestagswahl in Stimmen umwandeln.

In der Politik brauche es auch Gefühle, sagt Barley, schließlich ginge es um Menschen – und deshalb müsse die SPD auch Haltung zeigen. An letzterer fehlte es auch ihrer Vorgängerin Fahimi gewiss nicht, doch diese wirkte bei ihren öffentlichen Auftritten oft verbissen. Manchmal auch misstrauisch. Barley hingegen ist die Sachlichkeit in Person. Ruhig und selbstsicher blickt sie in ihr Publikum.

Das schlechte Abschneiden des Parteichefs thematisiert Barley nicht. Allerdings endet ihre Bewerbungsrede auch nicht mit euphorischen Beschwörungen, sondern mit einem nüchternen "Lasst uns gemeinsam in den Wahlkampf ziehen". Ein Satz, hinter dem man eher einen Punkt zu hören meint als ein Ausrufezeichen. Er ist wohl bewusst gewählt. Euphorie wäre so kurz nach dem enttäuschenden Wahlergebnis für ihren künftigen Chef auch seltsam gewesen. Gabriel wurde mit lediglich 74,3 Prozent als Parteivorsitzender wiedergewählt.

In der Parteispitze soll Barley ein bewusstes Gegengewicht zu Gabriel bilden: Er wollte nach eigenen Angaben eine Frau. Außerdem eine, die dem linken Flügel angehört. Beide Kriterien erfüllt Barley, die aber zu den gemäßigten Linken gezählt wird.

Vorschusslorbeeren für eine Unbekannte

Noch vor wenigen Wochen war ihr Name nur SPD-Insidern ein Begriff: Die Juristin, die früher am Bundesverfassungsgericht arbeitete, sitzt erst seit 2013 im Bundestag. Dort kümmerte sie sich um die Themen Recht und Verbraucherschutz und war außerdem Justiziarin der Fraktion. Das heißt, sie half Parlamentariern, die mit rechtlichen Problemen und Sorgen zu ihr kamen: "Da lernt man die Abgeordneten oft von einer anderen Seite, auf einer menschlichen Ebene kennen", erzählte Barley im Vorfeld ihrer Wahl. Sie sieht es als deutlichen Vorteil, auch auf persönlicher Ebene in der in Regierungszeiten so wichtigen SPD-Fraktion vernetzt zu sein.

Ihre Vorgängerin Fahimi kam direkt von der Gewerkschaft zur SPD. Durch ihre etwas hölzerne Art wurde sie mit den Genossen nie wirklich warm. Fahimi blieb so immer auch eine Frau von Sigmar Gabriels Gnaden, weil sie in der Partei wenig Freunde und alte Seilschaften hatte. Barley weiß darum, und in ihrer Rede betont sie, wie wichtig ihr "Wertschätzung und Unterstützung" der Mitglieder seien: "Sie sind der Schatz der SPD, und ihn zu heben ist die Aufgabe der Generalsekretärin." Die Delegierten wählen Barley mit 93 Prozent zu ihrer neuen Generalsekretärin, sie bekam fast 20 Prozent mehr als Gabriel. Es sind Vorschusslorbeeren, die es nun einzulösen gilt.