ZEIT ONLINE: Frau Ferner, auf dem Parteitag der SPD, der am Donnerstag beginnt, wollen Sie für die Möglichkeit von männlich-weiblichen Doppelspitzen in den SPD-Ortsvereinen, aber auch an der Parteiführung kämpfen. Braucht Sigmar Gabriel einen weiblichen Gegenpart?

Elke Ferner:Sigmar Gabriel hat kein Problem mit einer Satzungsänderung. Es geht auch nicht um weibliche Gegenspieler. Es geht darum, dass die SPD als Partei das lebt, was sie von Unternehmen fordert: Nämlich mit mehr Partnerschaftlichkeit eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch mit dem Ehrenamt zu ermöglichen. Wenn es möglich ist, sich einen Ortsvereins-Vorsitz und die damit verbundenen Verpflichtungen wie etwa Abendveranstaltungen zu teilen, dann können wir mehr Jüngere gewinnen, sich für die Partei zu engagieren und trotzdem Zeit für Beruf und Familie zu haben. Die jüngere Generation will Beruf und Familie auch mit dem Ehrenamt vereinbaren können. Wenn wir dies nicht möglich machen, kann der Generationenwechsel in der SPD nicht gelingen. Wer sich im Beruf keine Dauerpräsenz zumutet, will das auch nicht im Ehrenamt.

ZEIT ONLINE: Dann könnten auch zwei Männer ran. Ihr Antrag fordert aber ausdrücklich eine geschlechterquotierte Doppelspitze.

Ferner: Wir wollen der SPD auch ein weiblicheres Gesicht geben. Die SPD ist leider immer noch die Partei der Stellvertreterinnen. Wir hatten noch nie eine Frau als Partei- oder Fraktionsvorsitzende und die meisten Landesverbände werden nach wie vor von Männern geführt. In den Ortsvereinen haben nur 20 Prozent Frauen die Führung inne. Da ist noch Luft nach oben, da sollten wir Möglichkeiten und Anreize schaffen.

ZEIT ONLINE: Können Sie erklären, warum der Parteivorsitzende in einem Interview die Doppelspitze gutheißt, die Antragskommission für den Parteitag aber deren Ablehnung empfiehlt?

Ferner: Das müssen Sie die Mehrheit in der Antragskommission fragen. Die Gegenargumente haben mich nicht überzeugt. Es heißt, mit zwei Vorsitzenden gebe es zu viel Abstimmungsbedarf. Den hat aber auch ein Vorsitzender immer, denn beschließen kann in der SPD nur der Vorstand als Ganzes. Manche sagen: Ihr behauptet, das ist freiwillig, am Ende gibt es trotzdem einen faktischen Zwang zur Doppelspitze. Da gibt es offenbar Ängste, die ich nicht nachvollziehen kann. Wer jetzt schon Landesvorsitzender ist, kann das doch bleiben. Und kein Landesparteitag wird einem erfolgreichen Vorsitzenden oder einem überzeugenden Kandidat oder einer überzeugenden Kandidatin jemanden zur Seite stellen, wenn er oder sie das nicht will. Allerdings muss man das dann auch sagen.

ZEIT ONLINE: Es gibt auch das Argument, die starre Doppelspitze der Grünen beweise, dass es ein Problem geben kann mit der Schlagkräftigkeit. Kein Gesicht prägt sich so wirklich ein beim Wähler.

Ferner: Die Grünen haben eine zwingende Doppelspitze, im Gegensatz zu uns. Damit wird bei Fraktions- und Parteiführung auch versucht, unterschiedliche Parteiströmungen auszugleichen. Das führt nicht zwangsläufig zu mehr Partnerschaftlichkeit, sondern kann zu gegenseitiger Blockade führen. Eine Doppelspitze kann nur erfolgreich sein, wenn beide sich gut verstehen und bereit sind, Verantwortung und Macht zu teilen. Das kann man nicht erzwingen. Die SPD wäre sicherlich auch nicht so verrückt, eine Doppelspitze zu wählen, die sich nicht versteht.

ZEIT ONLINE:  Sie stellen Ihren Antrag nun mehr oder weniger im Alleingang zur Abstimmung und hoffen auf den Widerstand des Parteitags?

Ferner: Ich hoffe auf Einsicht. Viele Kommunalpolitiker und Kommunalpolitikerinnen in der SPD kennen die Probleme, die ich anspreche. Macht zu teilen bedeutet Stärke und nicht Schwäche. Daher würde ich mich freuen, wenn wir eine Mehrheit für eine Modernisierung der SPD bekämen.