Fraktionsvize Axel Schäfer, ein SPD-Linker, ist außer sich. Es ist 15.21 Uhr, als auf diesem denkwürdigen Parteitag in Berlin das Ergebnis zur Wiederwahl des Parteivorsitzenden verkündet wird. Sigmar Gabriel hat 74,3 Prozent der Stimmen erhalten, das zweitschlechteste Ergebnis, das die Sozialdemokratie ihren Chefs je verpasst hat. Weniger Stimmen bekam nur Oskar Lafontaine im Jahr 1995. "Wir organisieren unsere eigene Wahlniederlage", ruft Schäfer mit einer Stimme, die zwischen Verzweiflung und Verärgerung pendelt. "Die Delegierten haben die Ehrlichkeit des Parteivorsitzenden nicht gewürdigt", das ist die trockene Analyse des Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach im Anschluss. Auch er guckt ungläubig.

Lange hatte es niemand kommen sehen auf diesem Delegiertentreffen der Regierungspartei SPD. Denn sie hatte sich Ruhe und Geschlossenheit verordnet. Eigentlich wollte sie beweisen, dass sie vernünftiger ist als die zerstrittene Union, die kommende Woche ihren Parteitag abhält. Und dass die SPD der "stabile Faktor" der Koalition ist, wie es der alte und trotz allem auch neue Parteivorsitzende betonte. Allgemein wurde daher sogar ein besseres Wiederwahlergebnis für Gabriel erwartet als noch 2013. Damals gaben ihm 83 Prozent der Delegierten das Vertrauen. Vor ein paar Wochen nun hat Gabriel angekündigt, Kanzlerkandidat werden zu wollen. Auch deshalb war es eigentlich der unausgesprochene aber klare Auftrag der 600 Delegierten gewesen, ein Signal der breiten Unterstützung zu senden.

Um dieses Signal auch den Kritikern in seiner SPD zu erleichtern, hielt Gabriel am Freitagmorgen eine Grundsatzrede, in der sich alle wiederfinden konnten: Sie enthielt ein bisschen Wahlkampf, nämlich viel Schelte für den Partner Union und auch viel Staatstragendes und Selbstbeweihräucherndes. Ein wenig überrascht waren die Genossen allerdings, dass der SPD-Vorsitzende über eine mögliche Ausweitung des Syrien-Mandats der Bundeswehr orakelte, obwohl dies derzeit gar nicht zur Diskussion steht. Sollten von der deutschen Armee in der Zukunft Kampfhandlungen oder Bodentruppen verlangt werden, so werde er die Mitglieder der SPD befragen, kündigte Gabriel an. Das Versprechen eines Mitgliederentscheids sollte ein Signal an die Kriegsgegner in der Partei sein, an diejenigen, die sich sorgen, dass Deutschland in Syrien schleichend in einen unübersichtlichen Konflikt hineingezogen wird. Doch gerade diese Skeptiker horchten auf, als Gabriel sprach: Schließlich hatten die Delegierten erst am Vorabend Bodentruppen per Parteibeschluss ausgeschlossen. Ein typischer Gabriel: Es sind auch solche Vorstöße, die seine eigenen Leute immer wieder an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln lassen.

Unmerklich kippte die Stimmung

Gabriels Rede wurde trotzdem demonstrativ beklatscht, auch wenn mancher Delegierte beklagte, sie sei wohl "etwas länglich" gewesen. Danach war Mittagspause und Aussprache, in der wenn überhaupt eher vorsichtige Kritik am Vorsitzenden geübt wurde.

Doch etwas passierte in diesen Minuten, fast unmerklich kippte die Stimmung der Partei, die sich doch so viel Disziplin verordnet hatte. Es war nach allgemeiner Ansicht der Delegierten wohl die Rede der Juso-Vorsitzenden Johanna Uekermann, die den Ausschlag gab.

Uekermann und Gabriel sind sich in herzlicher Abneigung verbunden, das ist bekannt. Und es gibt einige Genossen, die der Chefin des SPD-Nachwuchses vorwerfen, es dann und wann mit ihrer Kritik zu übertreiben – so als sie kürzlich Gabriel in einem Interview die Schulnote "Vier Minus" für seine Arbeit gab und dabei auch noch Merkel lobte.

Trotzdem sagte die 28-Jährige einen Satz in Richtung des Parteivorsitzenden, der offensichtlich vielen Delegierten aus der Seele sprach: "Reden halten ist das eine, danach zu handeln das andere." Dafür bekam sie warmen Applaus.