ZEIT ONLINE: Der Kampf gegen den IS ist also nur erfolgreich zu führen, wenn auch der Syrien-Konflikt gelöst wird?

Kaim: Ja, ich würde es noch deutlicher sagen: Eine militärische Operation ist völlig bedeutungslos, wenn sie nicht eingebettet ist in eine politische Strategie. In den Balkan-Kriegen ist das nach vielen Wirrungen immer gelungen, nämlich militärischen Druck zu verbinden mit politischen Initiativen. Das war der Schlüssel, um zumindest das Morden auf dem Balkan zu beenden. Das muss die Internationale Gemeinschaft auch jetzt im Fall Syrien leisten. Der Kampf gegen den IS und die Einhegung und Beendigung des syrischen Bürgerkriegs sind zwei Seiten derselben Medaille.

ZEIT ONLINE: Russland und die Türkei spielen in dem Konflikt sehr eigene, fragwürdige Rollen. Putin will Assad stützen, Erdoğan sieht als Hauptfeind die Kurden, sein Land hat den IS lange Zeit stillschweigend unterstützt. Müssen beide Länder dennoch in die Anti-IS-Koalition eingebunden werden?

Kaim: Ihre Einbindung macht die Dinge kompliziert, aber sie draußen zu lassen, macht es noch viel komplizierter. Beide Länder müssen, genau wie der Iran, der ebenfalls Assad stützt, als potenzielle Störfaktoren mit an den Verhandlungstisch. Denn sonst droht in der Region ein mindestens dreißigjähriger Krieg.

ZEIT ONLINE: Aber auch so wird es vermutlich ein sehr langfristiges Engagement Deutschlands in Syrien.

Kaim: Außenminister Steinmeier spricht von zehn Jahren. Auf die Zahl würde ich mich nicht festlegen. Aber er hat zu Recht angemahnt, was in der Vergangenheit häufig gefehlt hat: strategische Geduld. Das hat in Libyen nicht funktioniert, da waren die beteiligten Länder nach dem Sieg über Gaddafi froh, das Land schnell wieder verlassen zu können – mit dem bekannten Ergebnis eines zerfallenen Staates. Strategische Geduld hat es aber auch in Afghanistan nicht richtig gegeben. Daraus muss man jetzt die richtigen Konsequenzen ziehen, dass eine militärische Lösung ohne eine langfristige politische Neuordnung nicht funktionieren kann.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für die Rolle Deutschlands?

Kaim: Das Einschneidende ist, dass sich Deutschland über das militärische Engagement über die nächsten Jahre als Gestaltungsmacht im Nahen und Mittleren Osten profiliert. Das ist neu für die deutsche Politik, das kannten wir so bisher nicht.

ZEIT ONLINE: Und das bindet Deutschland auch.

Kaim: Ja, und völlig zu Recht. Wenn man sich militärisch engagiert und eine Ordnungsvorstellung hat, wohin das führen soll, dann kann man nicht nach kurzer Zeit wieder gehen. Und deshalb finde ich es richtig und ehrlich, die deutsche Öffentlichkeit da nicht in falscher Sicherheit zu wiegen. Deutschland verpflichtet sich im Verbund mit anderen Ländern, sich für lange Zeit militärisch und vor allem politisch in der Region zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Eine echte Zäsur.

Kaim: Ja, das ist eine Abkehr von der bisherigen Syrienpolitik, die vor allem darin bestanden hat, wegzuschauen und den Konflikt zu ignorieren, in der Hoffnung, dass er irgendwann ausbrennen und verschwinden würde. Und wir haben ja gesehen, was dabei herauskam: Dann kommt der Krieg eben zu uns, in Form von Flüchtlingen.