Die jüngste Sonntagsumfrage von Emnid brachte es an den Tag. Danach würden 17 Prozent der befragten Männer AfD wählen, also jeder Sechste, wenn jetzt Bundestagswahl wäre, – aber nur 2 Prozent der Frauen. Ein krasser Unterschied! Zwar sind methodische Ungenauigkeiten zu berücksichtigen, denn bei der üblichen Stichprobe von 1000 Befragten machen die AfD-Anhänger darunter nur 100 Personen aus. Doch das Ergebnis deckt sich in der Tendenz mit anderen Befragungen und auch mit Untersuchungen der ideologisch verwandten Pegida-Bewegung.

Dass die AfD eine männerbeherrschte Partei ist, genauer: eine von mittelalten bis älteren Männern aus der Mittel- und unteren Mittelschicht dominierte, zeigt sich auch, wenn man sich den Bundesvorstand und die Landesvorstände anschaut. Zwar wird die AfD von Frauke Petry geführt, eine ihrer Stellvertreterinnen ist Beatrix von Storch. Das gibt der Partei nach außen ein weibliches Antlitz. Aber dahinter folgen im Bundesvorstand fast nur graue Herren. Auch die Landesvorstände sind fest in Männerhand.

Ähnlich ist das Bild in den Landtagsfraktionen: in Brandenburg sind nur zwei von zehn AfD-Abgeordneten Frauen, in Thüringen zwei von acht und in Hamburg eine von acht. Nur in Sachsen, wo die Bundesvorsitzende Petry auch die Fraktion führt, ist ein gutes Drittel der AfD-Abgeordneten weiblich.

Bei den drei Landtagswahlen im März, bei denen sich die AfD gute Chancen ausrechnet, zweistellige Ergebnisse zu erzielen, sieht das Bild nicht anders aus. In Sachsen-Anhalt kandidieren auf den zehn aussichtsreichsten Plätzen der Landesliste nur zwei Frauen, Spitzenkandidat ist natürlich ein Mann. In Baden-Württemberg ist nur ein knappes Zehntel der AfD-Kandidaten weiblich.

Aber ist diese männliche Vorherrschaft ein entscheidender Grund, weshalb sich so wenige Frauen in der rechtspopulistischen Partei engagieren oder sie wählen? Schließlich ist das bei anderen Parteien auch nicht grundlegend anders.

Aggressive Rhetorik

Fragen wir als erstes eine Frau, Andrea Römmele, Professorin für politische Kommunikation an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie zieht zunächst den Wert der Emnid-Befragung etwas in Zweifel. Generell hätten Befragte Hemmungen, sich zu radikalen Parteien zu bekennen. Bei Frauen sei das besonders ausgeprägt, Männer hätten da weniger Scheu. Sie trauten sich eher, ihre wahre Wahlabsicht zu offenbaren.

Römmele sieht aber auch inhaltliche Gründe für einen Geschlechterunterschied: Die aggressive Rhetorik der AfD, vor allem in der Flüchtlings- und Ausländerfrage, mit ihrer Nähe zur Gewalt ziehe einen bestimmten Typus von Männern an, die um ihren Status und Platz in der Gesellschaft bangen. "Frauen lehnen das Gewaltsame ab." Das gleiche gelte für die starken Hierarchien in solchen Parteien. Auch die entsprächen männlichen, nicht weiblichen Rollenbildern. Viele Frauen seien zudem stark zivilgesellschaftlich engagiert, auch in der Flüchtlingshilfe. "Das verschafft ihnen einen differenziertes Bild, das mit der einfachen Programmatik und Rhetorik der AfD nicht vereinbar ist."

"Laut und gewalttätig sein ist Sache der Männer"


Lars Geiges, Mitarbeiter im Institut für Demokratieforschung in Bielefeld, räumt ein, dass man  relativ wenig wisse über die genaue Zusammensetzung der Wählerschaft, insbesondere von neuen Parteien. "So richtig überraschend" findet er die Emnid-Erhebung jedoch nicht. "Radikale Parteien werden immer stark von Männern gewählt und geführt", sagt Geiges. Das sei bei rechtspopulistischen Parteien in anderen europäischen Ländern ganz genauso. Die Haltung, mit dem bisherigen System müsse endlich "Schluss sein", jetzt helfe nur noch Protest der "schweigenden Mehrheit", sei überaus attraktiv für verunsicherte, wütende Männer, die sich nach einer festen Orientierung sehnen.

"Auch Frauen haben natürlich Kritikpunkte an der Politik, aber diese Pose des dauernden Protestes und der Zuspitzung liegt ihnen nicht so", sagt der Bielefelder Wissenschaftler. So seien ja selbst wertkonservative Frauen nicht unbedingt für ein Verbot der Abtreibung.

Frauen, so könnte man daraus schließen, gehen die Politik differenzierter und lebenspraktischer an. Sie möchten Ergebnisse, keine Parolen und leeren Proteste. Das wiederum verträgt sich offenbar kaum mit der rigiden Emphase der AfD und ähnlicher Parteien. Nach der Emnid-Umfrage sind deshalb auch wesentlich mehr Frauen als Männer bereit, die großen bisherigen Regierungsparteien Union und SPD zu wählen.

"Frauen sind empathischer"

Dieter Rucht, emeritierte Soziologieprofessor vom Wissenschaftszentrum Berlin, ist nur kurz überrascht von dem Emnid-Zahlen. Dann verweist er darauf, dass die Rechte, zu der die AfD zählt, insgesamt stark männerlastig sei. So gingen bei den Pegida-Demos, die er mit Mitarbeitern beobachtet hat, 75 bis 80 Prozent Männer mit. "Männer springen auf den rechten Politikstil mit klaren Ansagen und ohne jede Empathie für andere gesellschaftliche Gruppen an." Frauen dagegen seien empathischer für das Leiden anderer, vor allem wenn es sich um Frauen und Kindern handele, wie bei den Flüchtlingen.

"Wenn es um die Abwehr von Flüchtlingen geht, schauen Männer auf die Zahlen. Frauen achten darauf: Wen trifft es?" Auch für Rucht macht die unterschiedliche Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit den entscheidenden Punkt aus, ob sich jemand bei AfD oder Pegida engagiert.

Der Soziologe beobachtet darüber hinaus, dass der Gedanke des "Widerstands" in der AfD und bei Pegida eine große Rolle spielt. Zum Teil werde er in verquerer Weise auf die NS-Zeit, die DDR-Diktatur bis zu den Türken von Wien bezogen. "Diese Propaganda der Tat, die daraus abgeleitet wird, hat eine starke physische Komponente." Will heißen: Zu Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte ist es dann nicht mehr weit. "Laut sein, gewalttätig sein," so Ruchts Fazit, "das ist Sache der Männer".